Vor dreissig Jahren liess sich die Schweizer Informationslandschaft leichter beschreiben.
Man las regionale und nationale Zeitungen. Man hörte Radio. Man sah Schweizer Fernsehen. Je nach Sprachregion konsumierte man zusätzlich Medien aus Deutschland, Frankreich oder Italien.
Neutral war dieses System nie.
Redaktionen trafen Entscheidungen. Verlage hatten Interessen. Politische Neigungen waren sichtbar. Der öffentliche Rundfunk spiegelte institutionelle Grundannahmen. Manche Perspektiven erhielten mehr Aufmerksamkeit als andere.
Aber das System war lesbar.
Man konnte die Zeitung benennen.
Man konnte die Chefredaktion identifizieren.
Man konnte nachvollziehen, wem die Druckerpresse gehörte.
Man konnte den Sender kritisieren, das Abonnement kündigen, einen Leserbrief schreiben, das Programm wechseln oder eine konkurrierende Zeitung kaufen.
Vor allem aber begegneten grosse Teile der Bevölkerung noch einem erkennbaren gemeinsamen Set von Ereignissen.
Man war sich uneinig darüber, was diese Ereignisse bedeuteten.
Man lebte aber nicht zwingend in vollständig unterschiedlichen Wirklichkeiten.
Diese Unterscheidung ist entscheidend.
Heute entsteht das nationale Gespräch der Schweiz nicht mehr primär in der Schweiz.
Es wird hervorgebracht durch ein geschichtetes System aus inländischen Verlagen, öffentlichem Rundfunk, ausländischen Medien, Suchmaschinen, sozialen Netzwerken, Videoplattformen, Messaging-Anwendungen, Werbemärkten, Cloud-Infrastruktur und Empfehlungsalgorithmen.
Zunehmend wird es auch durch künstliche Intelligenz vermittelt.
Eine Bürgerin erfährt von einer eidgenössischen Abstimmung womöglich über einen SRF-Artikel, den Google ausspielt, über das TikTok-Video einer Politikerin, über einen deutschen YouTube-Kommentator, über einen Screenshot in einer WhatsApp-Gruppe, über ein Instagram-Karussell, über einen Podcast, über einen Telegram-Kanal oder über eine von ChatGPT generierte Antwort.
All das kann dieselbe politische Frage betreffen.
Es durchläuft nicht dieselben Standards.
Es legt nicht dieselben Anreize offen.
Es bietet nicht dieselben Korrekturmöglichkeiten.
Und es untersteht nicht demselben Staat.
Die Kanäle haben sich verändert.
Die Eigentumsstrukturen haben sich verändert.
Die Ökonomie hat sich verändert.
Die Anreize haben sich verändert.
Die Systeme, die entscheiden, was sichtbar wird, haben sich verändert.
Der demokratische Prozess unterstellt aber weiterhin, dass Bürgerinnen und Bürger hinreichend informierte Urteile über eine gemeinsame politische Wirklichkeit bilden können.
Diese Unterstellung verdient mehr Prüfung, als sie erhält.
Denn die zentrale Souveränitätsfrage des Informationszeitalters lautet vielleicht nicht mehr:
Wem gehören die Medien?
Sie könnte lauten:
Wem gehören die Bedingungen, unter denen ein Land sich selbst versteht?
Die Infrastruktur, die niemand Infrastruktur nennt
Staaten behandeln bestimmte Systeme als kritisch, weil eine Gesellschaft ohne sie nicht funktioniert.
Strom.
Wasser.
Verkehr.
Telekommunikation.
Finanzinfrastruktur.
Gesundheitsversorgung.
Lebensmittelversorgung.
Digitale Netze.
Wir halten Reserven. Wir regulieren Betreiber. Wir kartieren Abhängigkeiten. Wir testen Wiederherstellungspläne. Wir sorgen uns um ausländische Kontrolle, um Single Points of Failure und um die Zeit, die es braucht, um wesentliche Leistungen wiederherzustellen.
Demokratische Gesellschaften hängen jedoch von einem weiteren System ab, das selten mit derselben Ernsthaftigkeit behandelt wird.
Von ihrer Fähigkeit, Wirklichkeit zu beobachten.
Ereignisse zu untersuchen.
Glaubwürdiges Wissen zu erzeugen.
Es zu verbreiten.
Es zu bestreiten.
Es zu korrigieren.
Und öffentliches Verständnis in legitime kollektive Entscheidungen zu überführen.
Das ist die kognitive Infrastruktur einer Nation.
Sie ist nicht eine Zeitung.
Sie ist nicht der öffentliche Rundfunk.
Sie ist nicht Social Media.
Sie ist das gesamte System, durch das Ereignisse zu Wissen werden, Wissen zu öffentlichem Verständnis, öffentliches Verständnis zu politischer Entscheidung und politische Entscheidung zu staatlichem Handeln.
Ein vereinfachter demokratischer Regelkreis sieht so aus:
Ereignisse und materielle Wirklichkeit
↓
Beobachtung, Berichterstattung und Belege
↓
Verbreitung und Auffindbarkeit
↓
Auswahl, Ranking und Empfehlung
↓
Öffentliche Aufmerksamkeit und Verständnis
↓
Debatte, Beteiligung und Abstimmung
↓
Staatliche Entscheide
↓
Politik und Umsetzung
↓
Eine veränderte materielle Wirklichkeit
Das ist ein Regelungssystem.
Und wie jedes Regelungssystem hängt es von der Qualität seiner Sensoren ab, von der Integrität seiner Signale, vom Design seiner Schnittstellen und von der Zeit, die zur Verfügung steht, um Fehler zu erkennen und zu korrigieren.
Eine Demokratie braucht keine Einigkeit auf jeder Stufe.
Sie braucht etwas Grundlegenderes:
Genug unabhängige Beobachtung, um Fehler zu erkennen.
Genug Pluralität, um Deutungen zu bestreiten.
Genug Transparenz, um Einfluss zu verstehen.
Genug gemeinsamen faktischen Boden, damit politischer Streit bedeutungsvoll bleibt.
Wenn die Informationen, die in den Regelkreis eintreten, systematisch verzerrt werden, hört das demokratische System nicht sofort auf zu funktionieren.
Es wird weiterhin abgestimmt.
Parlamente tagen weiter.
Zeitungen erscheinen weiter.
Politikerinnen und Politiker debattieren weiter.
Die Formen bleiben.
Aber der Rückkopplungskreis verändert sich.
Eine Gesellschaft kann weiter Entscheidungen treffen und dabei allmählich die Fähigkeit verlieren, die Bedingungen zu verstehen, unter denen diese Entscheidungen getroffen werden.
So kann Informationssouveränität verschwinden, ohne dass es je einen dramatischen Moment der Kapitulation gibt.
Was Informationssouveränität nicht ist
Informationssouveränität ist ein unbequemer Begriff, weil er leicht missverstanden werden kann.
Er bedeutet nicht, dass ein Land alle Informationen kontrollieren sollte, die seine Bevölkerung erreichen.
Er bedeutet nicht den Ausschluss ausländischer Medien.
Er bedeutet nicht die Schaffung eines Wahrheitsministeriums.
Er bedeutet nicht, dass Regierungen entscheiden sollten, welche politischen Meinungen zulässig sind.
Er bedeutet nicht, private Plattformen durch ein staatlich betriebenes nationales soziales Netzwerk zu ersetzen.
Und er bedeutet ganz sicher nicht, dass inländisches Eigentum automatisch vertrauenswürdige Informationen hervorbringt.
Ein Staat, der Zeitungen, Sender, Werbung und Verbreitung kontrolliert, besitzt womöglich enorme Informationsmacht.
Er besitzt keine demokratische Informationssouveränität.
Er besitzt Informationskontrolle.
Der Unterschied ist fundamental.
Eine brauchbare Definition wäre:
Informationssouveränität ist die praktische Fähigkeit einer demokratischen Gesellschaft, unabhängige Wissensproduktion aufrechtzuerhalten, die Systeme der Informationsverbreitung zu verstehen und zu steuern, echte Pluralität zu bewahren und die Fähigkeit zu behalten, einzugreifen, wenn Konzentration, Intransparenz oder Abhängigkeit die kollektive Selbstregierung bedrohen.
Das souveräne Subjekt ist nicht allein der Staat.
Es ist das demokratische System als Ganzes:
- Bürgerinnen und Bürger,
- Journalistinnen und Journalisten,
- Forschende,
- öffentliche Institutionen,
- Zivilgesellschaft,
- Gerichte,
- Infrastrukturbetreiber,
- Bildungsinstitutionen,
- und die Rechtsordnung, die sie verbindet.
Daraus ergeben sich drei unterschiedliche, aber miteinander verbundene Formen von Souveränität.
Informationelle Souveränität
Wem gehören die Kanäle, die Infrastruktur, die Daten und die Systeme, durch die Informationen fliessen?
Wer kann diese Ströme verstärken, unterdrücken, unterbrechen, beobachten oder monetarisieren?
Redaktionelle Souveränität
Können Journalistinnen, Journalisten und Institutionen entscheiden, was sie recherchieren und veröffentlichen, ohne unzulässigen Druck von Eigentümern, Werbekunden, Plattformen oder Regierung?
Epistemische Souveränität
Kann eine Gesellschaft noch hinreichend verlässliche gemeinsame Fakten herstellen, um kollektive Entscheidungen zu treffen?
Epistemische Souveränität verlangt keinen politischen Konsens.
Bürgerinnen und Bürger können sich über die Belege einig sein und zugleich zutiefst uneinig darüber, was zu tun ist.
Wenn sie sich aber nicht mehr darauf einigen können, was geschehen ist, welche Institutionen die Daten erhoben haben, ob irgendeiner Quelle zu trauen ist oder ob Evidenz überhaupt legitim ist, wird demokratischer Dissens zu etwas anderem.
Er wird zum Wettbewerb zwischen unvereinbaren Wirklichkeiten.
Das Schweizer Informationssystem ist nicht einfach vielfältiger geworden
Es gibt eine beruhigende Erzählung über die Transformation der Medien.
Einst kontrollierten wenige Zeitungen und Sender die Information.
Dann kam das Internet.
Die Gatekeeper verschwanden.
Alle bekamen eine Stimme.
Information wurde demokratisiert.
Teile dieser Erzählung stimmen.
Bürgerinnen und Bürger erhielten Zugang zu Quellen, die früher unerreichbar gewesen wären. Politikerinnen und Politiker konnten direkt kommunizieren. Whistleblower konnten Belege veröffentlichen. Marginalisierte Gemeinschaften konnten sich organisieren. Unabhängige Kreative konnten Publikum aufbauen, ohne Druckereien oder Sendelizenzen zu besitzen.
Ausländische Perspektiven wurden leichter zugänglich.
Korrekturen konnten schneller zirkulieren.
Doch das Verschwinden der alten Gatekeeper erzeugte keine Welt ohne Gatekeeper.
Es erzeugte neue.
Suchmaschinen entscheiden, was gefunden werden kann.
Empfehlungssysteme entscheiden, was erscheint.
Soziale Netzwerke entscheiden, was sich verbreitet.
App-Stores entscheiden, was installiert werden kann.
Werbesysteme entscheiden, was monetarisiert werden kann.
Cloud- und Content-Delivery-Anbieter entscheiden, was verfügbar bleibt.
KI-Assistenten entscheiden zunehmend, welche Quellen abgerufen, zusammengefasst, zitiert oder ignoriert werden.
Der Gatekeeper ist nicht verschwunden.
Er ist weniger sichtbar geworden.
Eine Chefredaktorin lässt sich benennen.
Die Eigentümerstruktur eines Verlags lässt sich untersuchen.
Ein Sender lässt sich öffentlich zur Rede stellen.
Ein Empfehlungssystem kann sich fortlaufend ändern, jede Nutzerin anders betreffen und für Bürgerinnen, Forschende und nationale Behörden unzugänglich bleiben.
Das Problem ist nicht, dass Algorithmen zwingend bösartig wären.
Das Problem ist, dass sie folgenreiche Macht ausüben, ohne entsprechend beobachtbar zu sein.
Eine Gesellschaft sieht das Ergebnis.
Sie kann das System, das dieses Ergebnis ausgewählt hat, oft nicht prüfen.
Diese Asymmetrie ist ein Souveränitätsproblem.
Viele Titel. Weniger Stimmen.
Die Schweiz verfügt weiterhin über eine substanzielle Medienlandschaft.
Sie schneidet in internationalen Vergleichen zur Pressefreiheit gut ab. Sie behält starke journalistische Institutionen. Ihre grossen reichweitenstarken Nachrichtenorganisationen bleiben überwiegend schweizerisch kontrolliert. Die SRG SSR stellt weiterhin eine gemeinsame Service-public-Ebene über vier Sprachregionen hinweg bereit.
Das sind reale Stärken.
Sichtbare Vielfalt kann jedoch strukturelle Konzentration verdecken.
In der Deutschschweiz entfallen auf die drei grössten reichweitenstarken Medienanbieter rund drei Viertel des Marktes.
In der Westschweiz liegt der Anteil näher bei sieben Achteln.
Über die Schweizer Nachrichtenwebsites hinweg entfallen auf die fünf grössten Gruppen rund 73 Prozent der kumulierten Nutzung.
Selbst diese Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte.
Eigentumskonzentration misst, wem die Marken gehören.
Sie misst nicht, wie viel eigenständig produzierter Journalismus dahintersteht.
Dafür braucht es eine andere Kennzahl: die redaktionelle Konzentration.
In der deutschsprachigen Presse stieg der Anteil redaktioneller Beiträge, die in mindestens zwei Titeln erscheinen, von rund 10 Prozent im Jahr 2017 auf 26,5 Prozent im Jahr 2024.
Innerhalb eines grossen Zeitungsverbunds war mehr als die Hälfte des analysierten Materials geteilt.
In der nationalen Politikberichterstattung erreichten geteilte Inhalte mehr als 40 Prozent.
Selbst Meinung und Kommentar – Inhalte, die eigentlich unterschiedliche redaktionelle Identitäten sichtbar machen sollten – wurden deutlich stärker zentralisiert.
Das heisst nicht, dass gemeinsame Redaktionen automatisch schlecht sind.
Konsolidierung kann regionale Titel am Leben halten. Sie kann Spezialistinnen und Spezialisten finanzieren. Sie kann verhindern, dass Berichterstattung in Märkten, die mehrere vollständige Redaktionen nicht tragen können, vollständig verschwindet.
Aber sie verändert, wofür ein Zeitungstitel steht.
Ein Land kann weiterhin viele Titel haben und gleichzeitig unabhängige Beobachtung, lokales Wissen, redaktionellen Widerspruch und konkurrierende Recherchekapazität verlieren.
Markenvielfalt ist nicht zwingend Quellenvielfalt.
Und Quellenvielfalt zählt, weil unabhängige Systeme mehr leisten, als unterschiedliche Meinungen anzubieten.
Sie entdecken die Fehler der jeweils anderen.
Pluralität ist ein Resilienzmechanismus.
Das Geschäftsmodell ist aus dem Journalismus ausgewandert
Die Transformation ist nicht nur redaktionell.
Sie ist ökonomisch.
Während eines Grossteils des zwanzigsten Jahrhunderts kontrollierten Zeitungen sowohl den Journalismus als auch die kommerzielle Infrastruktur um ihn herum.
Sie produzierten Inhalte, verkauften Werbung, verwalteten Abonnemente und kontrollierten die physische Distribution.
Das Internet hat diese Funktionen getrennt.
Verlage tragen weiterhin die Kosten der Berichterstattung.
Aber globale Plattformen kontrollieren zunehmend Auffindbarkeit, Publikumsdaten und Werbemärkte.
2024 überstiegen die geschätzten Schweizer Erlöse aus Online-Such- und Social-Media-Werbung die gemessenen Werbeerlöse von Schweizer Presse, Fernsehen, Radio und Online-Medien zusammen.
Das ist eine tiefgreifende strukturelle Verschiebung.
Die Unternehmen, die lokalen, kantonalen, investigativen und mehrsprachigen Journalismus produzieren, kontrollieren einen grossen Teil des Marktes, über den Aufmerksamkeit monetarisiert wird, nicht mehr.
Die Plattformen tun es.
Verlage werden deshalb Richtung Paywalls, Abonnemente, Marktplätze, Veranstaltungen, kommerzielle Dienstleistungen, Automatisierung und Kostenkonsolidierung gedrängt.
Einige dieser Anpassungen sind notwendig und innovativ.
Aber sie schaffen neue Zielkonflikte.
Abomodelle können tiefere Berichterstattung und stärkere direkte Beziehungen zu Leserinnen und Lesern tragen.
Sie können hochwertige Informationen auch hinter sozioökonomische Barrieren stellen.
Werbefinanzierter Journalismus kann breit zugänglich bleiben.
Er kann auch abhängig werden von Trafficvolumen, emotional aufgeladenen Inhalten und Plattformdistribution.
Stiftungseigentum kann langfristigen Journalismus im öffentlichen Interesse schützen.
Es kann auch Abhängigkeit von wenigen Geldgebern erzeugen, wenn die Governance unklar ist.
Öffentliche Finanzierung kann mehrsprachige, regionale und staatsbürgerliche Berichterstattung tragen, die der Markt nicht hervorbringen würde.
Sie kann auch zum politischen Hebel werden, wenn die Vergabe nicht unabhängig ist.
Es gibt kein perfektes Geschäftsmodell.
Die Souveränitätsfrage lautet, ob das System genügend Vielfalt enthält, damit das Scheitern oder die Vereinnahmung eines Modells nicht das gesamte nationale Gespräch bestimmt.
Die Frage des ausländischen Einflusses ist komplizierter, als sie aussieht
Die Schweiz hat immer ausländische Medien konsumiert.
Deutschsprachige Bürgerinnen und Bürger sehen deutsches Fernsehen und lesen deutsche Publikationen.
Französischsprachige konsumieren französische Medien.
Italienischsprachige sind dem viel grösseren Medienmarkt Italiens ausgesetzt.
Das ist nicht per se eine Schwäche.
Ausländische Berichterstattung kann Vielfalt erhöhen, inländische Grundannahmen hinterfragen und Expertise liefern, die ein kleiner nationaler Markt allein nie reproduzieren könnte.
Ein souveränes Informationssystem schliesst ausländische Stimmen nicht aus.
Es profitiert von ihnen.
Das Problem beginnt dort, wo aus Rezeption Abhängigkeit ohne Sichtbarkeit oder Alternativen wird.
Eine deutsche Zeitung hat eine identifizierbare redaktionelle Struktur.
Ein französischer Sender lässt sich als Institution analysieren.
Ein Social-Media-Feed ist etwas anderes.
Er kann Schweizer Journalismus, ausländische Berichterstattung, politische Werbung, Creator-Kommentare, Unterhaltung, institutionelle Kommunikation, anonyme Konten und synthetische Inhalte in derselben Oberfläche mischen.
Die Nutzerin weiss womöglich nicht, warum ein bestimmter Beitrag erscheint.
Die Person, die ihn publiziert, weiss womöglich nicht, wie er verteilt wird.
Der Schweizer Staat weiss womöglich nicht, wie sich das Ranking-System auf Deutsch, Französisch, Italienisch oder Rätoromanisch verhält.
Die Plattform legt womöglich nicht genug Daten offen, damit unabhängige Forschende es herausfinden könnten.
Ausländische Information ist nicht die zentrale Bedrohung.
Unbeobachtbare Distributionsmacht ist es.
Die relevante Unterscheidung ist deshalb nicht schlicht inländisch gegen ausländisch.
Sie lautet steuerbare gegen unsteuerbare Abhängigkeit.
Eine ausländische Nachrichtenquelle, die transparent arbeitet, kann das demokratische Wissen der Schweiz stärken.
Ein inländischer Medienkonzern, der unabhängige redaktionelle Kapazität abbaut, kann es schwächen.
Ein ausländischer Cloud-Anbieter mit getesteter Portabilität und glaubwürdigem Failover kann weniger gefährlich sein als ein nominell schweizerischer Anbieter, aus dem sich Systeme und Daten nicht herauslösen lassen.
Nationalität zählt.
Kontrolle, Beobachtbarkeit, Pluralität und Ausstiegsfähigkeit zählen mehr.
Was die Algorithmen tatsächlich bewirken
Die öffentliche Debatte über Empfehlungssysteme ist oft enttäuschend simpel.
Die eine Seite behauptet, Algorithmen manipulierten Wahlen und radikalisierten ganze Gesellschaften.
Die andere behauptet, sie zeigten den Nutzenden lediglich, was diese ohnehin wollten.
Die Evidenz ist komplizierter.
Grosse Experimente rund um Facebook und Instagram während der US-Wahl 2020 zeigten, dass die Umstellung auf chronologische Feeds erheblich veränderte, was Nutzende sahen und wie sie interagierten.
Entsprechende kurzfristige Veränderungen politischer Polarisierung oder politischer Einstellungen konnten die Forschenden jedoch nicht feststellen.
Ein späteres unabhängiges randomisiertes Experiment auf X ergab, dass die Aktivierung des algorithmischen Feeds die Exposition auf andere Weise veränderte.
Er förderte konservativeres Material, verringerte die Exposition gegenüber traditionellen Nachrichtenorganisationen und verschob einzelne Sachfragen-Meinungen in eine konservative Richtung.
Parteiidentifikation oder affektive Polarisierung veränderte er nicht signifikant.
Forschung zu TikTok hat parteiische Ungleichgewichte in politischen Empfehlungen identifiziert, doch Expositionsasymmetrie allein belegt keine nachgelagerten Überzeugungsänderungen.
Die verantwortungsvolle Schlussfolgerung lautet nicht, dass Empfehlungssysteme keine politische Wirkung hätten.
Ebenso wenig, dass jeder Feed direkt bestimmt, wie Menschen abstimmen.
Die Schlussfolgerung ist wichtiger:
Systeme, die politische Exposition auswählen, können verändern, worauf Bürgerinnen und Bürger treffen; ihre Effekte variieren jedoch nach Plattform, Design, Kontext, Person und Zeitpunkt.
Diese Unsicherheit stärkt das Argument für Kontrolle.
Sie schwächt es nicht.
Wenn eine Infrastrukturebene mächtig ist und ihre Effekte ungewiss sind, lautet die Antwort nicht blindes Vertrauen.
Sie lautet Beobachtbarkeit.
Unabhängige Audits.
Forschungszugang.
Nutzerwahl.
Transparente politische Werbung.
Wirksame Beschwerdemechanismen.
Und die Möglichkeit, algorithmische und nicht personalisierte Feeds zu vergleichen.
Eine Demokratie muss nicht das richtige Ranking von Informationen vorschreiben.
Sie braucht die Fähigkeit zu verstehen, wie sich Ranking-Systeme verhalten.
Die leiseste Schweizer Warnung
Die ernsteste Bedrohung für die Schweizer Informationssouveränität ist womöglich nicht ausländische Propaganda.
Womöglich nicht Medieneigentum.
Womöglich nicht einmal Empfehlungsalgorithmen.
Womöglich ist es der Rückzug.
Der Anteil der als «News-Deprivierte» klassifizierten Personen – jener mit geringer Nachrichtennutzung über ein enges Spektrum von Quellen – ist dramatisch gestiegen.
Bis 2025 machte diese Gruppe in der einschlägigen Forschungsklassifikation rund 46 Prozent der Schweizer Bevölkerung aus, etwa 25 Prozentpunkte mehr als 2009.
Der Begriff ist mit Sorgfalt zu verwenden.
Er bedeutet nicht, dass fast die halbe Bevölkerung keine Informationen sieht.
Viele Menschen begegnen enormen Mengen an Inhalten.
Sie nutzen womöglich täglich soziale Medien.
Sie sehen Videos, lesen Posts, erhalten Screenshots und diskutieren Politik in Messaging-Gruppen.
Aber Kontakt mit Inhalten ist nicht dasselbe wie kontinuierliche Nutzung journalistischer Nachrichten.
Die Forschung verknüpft news-deprivierte Medienrepertoires mit geringerem politischem Wissen, geringerer Beteiligung und schwächerer Bindung an die demokratische Gesellschaft.
Soziale Medien kompensieren das Fehlen regelmässigen Journalismus nicht zwingend.
In der Schweiz wiegt das besonders schwer.
Schweizer Stimmberechtigte werden nicht bloss alle paar Jahre gebeten, Vertreterinnen und Vertreter zu wählen.
Sie stimmen wiederholt über technisch, finanziell und verfassungsrechtlich komplexe Fragen ab.
Die direkte Demokratie legt der Bevölkerung eine ungewöhnlich hohe epistemische Last auf.
Sie unterstellt, dass Bürgerinnen und Bürger Informationen erreichen, Argumente vergleichen, Unsicherheit verstehen und die Interessen hinter politischen Behauptungen erkennen können.
Ein Land kann folglich die Pressefreiheit bewahren und dabei informationelle Reichweite verlieren.
Es kann exzellenten Journalismus bewahren, dem immer weniger Bürgerinnen und Bürger begegnen.
Es kann formale demokratische Rechte bewahren, während sich das Wissen, das für ihre Ausübung nötig ist, ungleich verteilt.
Das ist primär kein Zensurproblem.
Es ist ein Infrastrukturproblem.
Eine Brücke, die existiert, aber nicht erreichbar ist, schafft keine Mobilität.
Journalismus, der existiert, aber nicht mehr in grosse Teile des öffentlichen Gesprächs gelangt, kann seine demokratische Funktion nicht vollständig erfüllen.
Finnland: Resilienz ohne Abschottung
Kein Land kontrolliert sein gesamtes Informationsumfeld.
Finnland ist von globalen Technologieplattformen abhängig.
Sein kommerzieller Medienmarkt ist konzentriert.
Sein öffentlicher Rundfunk steht unter politischem und finanziellem Druck.
Es ist kein informationssouveränes Paradies.
Aber es zeigt, wie Resilienz aussehen kann.
Finnland verbindet starke Pressefreiheit, hohes Vertrauen in Nachrichten, etablierte Service-public-Medien, regionalen Journalismus und eine vergleichsweise ausgeprägte Kultur, für digitale Nachrichten zu bezahlen.
Vor allem behandelt es Medienkompetenz als nationale und lebenslange Fähigkeit.
Seine nationale Politik reduziert Medienbildung nicht darauf, Kindern beizubringen, erfundene Geschichten zu erkennen.
Sie bezieht Schulen, Bibliotheken, Kulturinstitutionen, Forschende, Zivilgesellschaft, Medienorganisationen und Behörden ein.
Das Ziel ist breiter:
Bürgerinnen und Bürger sollen verstehen, wie Mediensysteme funktionieren, wie Behauptungen konstruiert werden, wie Quellen beurteilt werden können, wie digitale Umgebungen Verhalten prägen und wie Beteiligung informiert bleiben kann.
Das ist wichtig, weil Informationsresilienz sich nicht während einer Krise installieren lässt.
Eine Regierung kann während eines Wahlkampfs nicht plötzlich öffentliches Vertrauen erzeugen.
Ein Schulsystem kann jahrzehntelang schwache Quellenkompetenz nicht reparieren, wenn eine Desinformationskampagne beginnt.
Ein öffentlicher Rundfunk wird nicht über Nacht legitim.
Unabhängiger Lokaljournalismus lässt sich nicht unmittelbar wiederaufbauen, nachdem seine ökonomischen Grundlagen verschwunden sind.
Resilienz wird angesammelt, bevor sie gebraucht wird.
Finnlands Stärke ist nicht Unabhängigkeit von ausländischen Plattformen.
Es ist das Vorhandensein von Gegengewichten:
- starke Institutionen,
- staatsbürgerliche Kompetenz,
- direkte Publikumsbeziehungen,
- Service-public-Kapazität,
- unabhängiger Journalismus,
- und eine kulturelle Erwartung, dass Informationssysteme rechenschaftspflichtig bleiben.
Das ist Souveränität als Vorbereitung, nicht als Abschottung.
Ungarn: nationale Kontrolle ohne demokratische Souveränität
Ungarn führt die gegenteilige Lektion vor.
In der Zeit ab 2010 wurde das ungarische Informationssystem zunehmend auf ein einziges politisches Projekt ausgerichtet.
Eigentumsübertragungen, Regulierungsänderungen, Kontrolle über die öffentlichen Medien, Staatswerbung und Druck auf unabhängige Medienhäuser verstärkten einander.
Vor dem Regierungswechsel 2026 kontrollierten regierungsnahe Akteure Schätzungen zufolge mehr als 80 Prozent des Medienumfelds.
Das Vertrauen in Nachrichten fiel auf aussergewöhnlich tiefe Werte.
Oppositionspolitikerinnen und -politiker erhielten in Teilen der öffentlich-rechtlichen Hauptnachrichten minimale Sichtbarkeit.
Unabhängiger Journalismus verschwand nicht vollständig.
Aber das System um ihn herum wurde strukturell feindlich.
Der ungarische Fall ist wichtig, weil er eine simplizistische Annahme zerstört:
Inländisches Eigentum garantiert keine Informationssouveränität.
Ein Mediensystem kann zugleich national stärker kontrolliert und weniger souverän werden.
Wenn Eigentum, Finanzierung, Regulierung, öffentlicher Rundfunk und politische Macht in eine Richtung ausgerichtet werden, gewinnt das Land womöglich mehr Kontrolle über das Informationssystem, während die Bürgerinnen und Bürger unabhängigen Zugang zu Wissen verlieren.
Der Staat wird stärker.
Das demokratische System wird schwächer.
Deshalb muss Informationssouveränität dem politischen Gemeinwesen gehören, nicht der jeweiligen Regierung.
Ungarn offenbart noch ein weiteres Systemprinzip.
Vereinnahmung ist kumulativ.
Kein einzelner Eingriff muss die Pressefreiheit abschaffen.
Eine Regulierungsbehörde wird weniger unabhängig.
Staatswerbung wird weniger neutral.
Ein Sender wird stärker angeglichen.
Ein Eigentümer erwirbt weitere Titel.
Unabhängige Wettbewerber verlieren Erlöse.
Lokaljournalismus schwächt sich ab.
Der Zugang zu amtlichen Informationen wird schwieriger.
Jeder Schritt mag überlebbar wirken.
Zusammen bilden sie ein selbstverstärkendes System.
Und solche Systeme lassen sich leichter vereinnahmen als wiederaufbauen.
Eine Regierung kann nach einer Wahl wechseln.
Vertrauen, unabhängige Institutionen, lokale Recherchekapazität und plurale Eigentumsstrukturen brauchen viel länger, um wiederhergestellt zu werden.
Der Informationssouveränitäts-Stack
Informationssouveränität lässt sich nicht über eine einzelne Kennzahl beurteilen.
Ein Land kann bei der Pressefreiheit hoch rangieren und zugleich gefährlich abhängig von wenigen Plattformen werden.
Es kann viele Medieneigentümer haben, aber ein dominantes Distributionssystem.
Es kann starke Infrastruktur haben, aber politisch vereinnahmten Journalismus.
Es kann exzellente Berichterstattung produzieren, die grosse Teile der Bevölkerung nie sehen.
Ein nützlicheres Modell ist ein Stack.
1. Wissensproduktion
Behält das Land die Fähigkeit, die eigenen Angelegenheiten zu beobachten und darüber zu berichten?
Gibt es Journalistinnen und Journalisten, die Gemeinden, Kantone, Gerichte, Unternehmen und nationale Institutionen abdecken?
Wie viel Berichterstattung ist originär?
Wie viel ist übernommen?
Wie viele unabhängige Redaktionen können dasselbe Ereignis untersuchen?
2. Eigentum und Ökonomie
Wer kann Führungspersonen einsetzen, Kapital abziehen oder die redaktionelle Strategie umlenken?
Wie konzentriert ist die Publikumsmacht?
Welche Geschäftsmodelle finanzieren Journalismus?
Wie viel Erlös ist von inländischen Medien zu globalen Plattformen abgewandert?
Können neue Organisationen in den Markt eintreten?
3. Verbreitung und Auffindbarkeit
Wie begegnen Bürgerinnen und Bürger Informationen?
Über direkte Besuche?
Über Rundfunk?
Über Suche?
Über soziale Medien?
Über Messaging-Anwendungen?
Über Videoplattformen?
Über Newsletter?
Über KI-Assistenten?
Können wichtige Informationen von öffentlichem Interesse die Bevölkerung erreichen, ohne einen unumgehbaren Intermediär zu passieren?
4. Empfehlung und Moderation
Wer bestimmt, was verstärkt, unterdrückt oder gezielt ausgespielt wird?
Können Nutzende nicht personalisierte Feeds wählen?
Können Forschende das Verhalten von Plattformen prüfen?
Werden politische Werbeanzeigen archiviert?
Funktionieren Moderationssysteme in allen Landessprachen gleich gut?
5. Infrastruktur und Kontinuität
Wo werden Nachrichtensysteme gehostet?
Von welchen DNS-, Cloud-, CDN-, Analytics-, Identitäts- und Zahlungsanbietern hängen sie ab?
Können Medienorganisationen migrieren?
Können sie während eines grossen Ausfalls, eines Cyberangriffs, eines kommerziellen Streits oder einer Plattformsperre weiter publizieren?
Sind Archive exportierbar und unabhängig gesichert?
6. Recht und institutionelle Governance
Sind Regulierungsbehörden unabhängig?
Ist Eigentum transparent?
Können Journalistinnen und Journalisten Quellen schützen?
Sind Service-public-Medien gegen politische Vereinnahmung abgeschirmt?
Werden staatliche Subventionen und Staatswerbung über transparente, staatsferne Verfahren vergeben?
Bieten Gerichte wirksamen Rechtsschutz?
7. Epistemische Kompetenz
Können Bürgerinnen und Bürger Quellen identifizieren?
Können sie Berichterstattung von Kommentar, Werbung und politischer Überzeugungsarbeit unterscheiden?
Verstehen sie personalisierte Feeds?
Können sie Evidenz und Unsicherheit beurteilen?
Behalten sie genug Vertrauen, um glaubwürdige Institutionen zu nutzen, ohne blind ergeben zu werden?
Der Stack ist wichtig, weil Schwächen sich kumulieren.
Hochwertiger Journalismus kann der Demokratie nicht dienen, wenn er ökonomisch nicht tragfähig, algorithmisch unsichtbar, technisch nicht verfügbar oder von zu wenigen Menschen genutzt wird.
Resiliente Infrastruktur schafft keine Souveränität, wenn die Inhaltsebene vereinnahmt ist.
Medienkompetenz kompensiert das Verschwinden unabhängiger Berichterstattung nicht.
Eigentumsvielfalt kompensiert die Abhängigkeit von einer Plattform nicht.
Ein souveränes Informationsumfeld verlangt Pluralität über den gesamten Stack.
Künstliche Intelligenz verändert die Frage erneut
Die aktuelle Debatte konzentriert sich noch stark auf soziale Medien.
Doch die nächste Transformation hat bereits begonnen.
Menschen gehen vom Suchen zum Fragen über.
Eine Suchmaschine präsentiert Links.
Ein KI-Assistent präsentiert eine Antwort.
Dieser Unterschied ist nicht kosmetisch.
Die Suche erlaubt es der Nutzerin, konkurrierende Quellen zu sehen, auch wenn Rankings beeinflussen, welche zuerst erscheinen.
Ein Assistent synthetisiert diese Quellen zu einer einzigen Antwort.
Er entscheidet, was abgerufen wird.
Was ausgeschlossen wird.
Was paraphrasiert wird.
Was zitiert wird.
Was als unsicher beschrieben wird.
Und was als geklärt dargestellt wird.
Eine Schweizer Studie mit mehr als tausend nachrichtenbezogenen Prompts und Tausenden zitierten Quellen fand, dass KI-generierte Antworten in einer relevanten Minderheit der Fälle weiterhin teilweise oder vollständig falsche Informationen enthielten.
Sie fand ausserdem erhebliche Unterschiede darin, welche Quellen sichtbar wurden – je nach System, Sprache und Thema.
Bei Fragen mit Schweizbezug stellten Schweizer Medien einen substanziellen, aber bei Weitem nicht vollständigen Anteil der Quellen.
Bei internationalen Themen verschwanden sie nahezu.
Damit entsteht ein neuer Distributionsmarkt.
Ein Schweizer Verlag kann korrekte, originäre Berichterstattung produzieren und dennoch unsichtbar werden, wenn KI-Systeme sie nicht indexieren, abrufen, lizenzieren oder zitieren.
Eine Sprachregion kann andere Antworten erhalten, weil das verfügbare Quellenökosystem ein anderes ist.
Eine Korrektur kann publiziert werden und dennoch nicht in Modelle oder Retrieval-Systeme durchdringen.
Eine Quelle kann zusammengefasst werden, ohne den Kontext, der ihre Berichterstattung bedeutsam machte.
Die künftige Souveränitätsfrage lautet deshalb nicht nur:
Wer trainiert die Modelle?
Sie lautet auch:
Wer entscheidet, welches nationale Wissen in die Antwort gelangt?
Wer kann den Retrieval-Prozess prüfen?
Wer kann das System korrigieren?
Welche Quellen bleiben ökonomisch tragfähig, wenn Nutzende sie nicht mehr besuchen?
Und was geschieht, wenn ein ausländischer KI-Assistent zur primären Schnittstelle wird, über die Bürgerinnen und Bürger die Innenpolitik verstehen?
Die nächste Generation liest vielleicht keine Zeitung mehr.
Sie nutzt vielleicht kein Google mehr.
Sie fragt vielleicht einfach.
Wer antwortet, wird Teil der kognitiven Infrastruktur des Landes.
Was die Schweiz nicht tun sollte
Die Risiken sind real.
Das macht nicht jede vorgeschlagene Lösung klug.
Die Schweiz sollte kein staatlich kontrolliertes nationales soziales Netzwerk bauen und annehmen, die Bevölkerung werde es nutzen.
Sie sollte ausländische Medien nicht ausschliessen.
Sie sollte keine pauschalen Inlands-Hosting-Vorschriften erlassen, die eine fragile Schweizer Monokultur erzeugen.
Sie sollte Verlage nicht in ein einziges Finanzierungsmodell zwingen.
Sie sollte Behörden keine weitreichenden Kompetenzen geben, politische Wahrheit zu bestimmen.
Sie sollte keine «algorithmische Neutralität» verlangen, denn ein neutrales Ranking von Millionen von Objekten existiert nicht.
Sie sollte Subventionen nicht an wohlwollende Berichterstattung oder vage administrative Qualitätsurteile knüpfen.
Und sie sollte öffentliche Skepsis nicht mit demokratischer Gesundheit verwechseln.
Eine Bevölkerung, die nichts mehr glaubt, ist nicht souverän.
Sie ist gelähmt.
Das Ziel ist nicht unbegrenzte Kontrolle.
Es ist plurale, beobachtbare und wiederherstellbare Interdependenz.
Das ist dieselbe Logik, die für Cloud-Infrastruktur, Energiesysteme und Lieferketten gilt.
Abhängigkeit ist kein Scheitern.
Abhängigkeit ohne Sichtbarkeit, Alternativen oder Ausstiegsoptionen ist es.
Was die Schweiz tun kann
Der erste Schritt besteht darin, das Informationsumfeld als nationale Fähigkeit anzuerkennen.
Nicht als Propagandafeld.
Nicht bloss als Medienmarkt.
Nicht bloss als kulturpolitisches Thema.
Als demokratische Fähigkeit.
Das gesamte System messen
Die Schweiz misst bereits Aspekte von Medienreichweite, Eigentum und journalistischer Qualität.
Aber die Ebenen bleiben fragmentiert.
Das Land sollte folgende Fragen beantworten können:
- Wem gehören die grossen Medienmarken?
- Welche Titel teilen redaktionelle Produktion?
- Welche Plattformen bestimmen den grössten Teil der Nachrichtenauffindbarkeit?
- Welche Werbesysteme ziehen die Erlöse ab?
- Welche Cloud-, CDN-, DNS- und Identitätsanbieter sind operativ kritisch?
- Welche Bevölkerungsgruppen begegnen regelmässigem Journalismus nicht mehr?
- Wie verhalten sich Empfehlungssysteme in den Schweizer Sprachen?
- Wie sichtbar sind Schweizer Quellen in KI-generierten Antworten?
Ein unabhängiges Observatorium für Informationssouveränität könnte diese Fragen integrieren, ohne zur Meinungsregulierungsbehörde zu werden.
Sein Mandat sollte Messung sein.
Offene Methoden.
Öffentliche Daten.
Trenderkennung.
Keine Befugnis, rechtmässige politische Ansichten als wahr oder falsch zu erklären.
Kontrolle sichtbar machen
Bürgerinnen und Bürger sollten die wirtschaftlich Berechtigten, die Stimmrechte und die redaktionellen Kontrollstrukturen hinter reichweitenstarken Medien einsehen können.
Gemeinsame Redaktionen und Content-Netzwerke sollten transparent sein.
Politische und themenbezogene Werbung sollte auf Ebene der einzelnen Anzeige durchsuchbar sein – inklusive Auftraggeber, Ausgaben, Targeting-Kriterien, Zeiträumen und Reichweite.
Das Ziel ist nicht, Einfluss zu verbieten.
Es ist, Einfluss beobachtbar zu machen.
Rechenschaft von Plattformen verlangen, ohne Meinungen vorzuschreiben
Grosse Plattformen und Suchmaschinen sollten aussagekräftige Informationen über ihre Empfehlungssysteme, Moderationsprozesse und politische Werbetätigkeit bereitstellen.
Akkreditierte Forschende sollten datenschutzwahrenden Zugang zu jenen Daten erhalten, die für die Prüfung systemischer Effekte nötig sind.
Nutzende sollten zugängliche Alternativen zum personalisierten Ranking haben.
Beschwerdemechanismen sollten in den Schweizer Sprachen funktionieren.
Wesentliche Änderungen an Empfehlungssystemen sollten für die betroffenen Gesellschaften nicht vollständig unsichtbar bleiben.
Ökonomische Vielfalt schützen
Journalismus im öffentlichen Interesse überlebt nicht von moralischem Lob.
Lokale, kantonale, investigative und mehrsprachige Berichterstattung schafft demokratischen Wert, den Werbemärkte zunehmend nicht mehr finanzieren.
Unterstützung kann gerechtfertigt sein.
Sie muss aber staatsfern, formelbasiert, transparent und offen für Neueinsteiger bleiben.
Der Staat sollte Fähigkeiten finanzieren, nicht politische Linientreue.
Originäre Berichterstattung.
Lokale Präsenz.
Zugänglichkeit.
Mehrsprachiges Angebot.
Recherchekapazität.
Öffentliche Archive.
Keine Inhaltsfreigabe.
Kein Loyalitätstest.
Direkte Kanäle aufbauen
Medienorganisationen sollten ihre Abhängigkeit von personalisierten Plattformen verringern, indem sie Websites, Newsletter, Podcasts, RSS, Veranstaltungen, Bibliotheken und andere direkte Beziehungen stärken.
Öffentliche Institutionen sollten Primärbelege in dauerhaften, zugänglichen Formaten publizieren.
Bürgerinnen und Bürger sollten wichtige Informationen über mehrere unabhängige Kanäle erreichen können.
Kein Land sollte während einer Krise entdecken, dass seine öffentliche Kommunikation an einem einzigen ausländischen Plattformkonto hängt.
Operative Abhängigkeiten prüfen
Reichweitenstarke Medien und öffentliche Institutionen sollten wissen, auf welche Cloud-, DNS-, CDN-, App-Store-, Analytics- und Identitätssysteme sie sich stützen.
Sie sollten Migration testen.
Ersatzpublikation.
Archivwiederherstellung.
Notfallkommunikation.
Und Anbieterausfall.
Souveränität ist nicht, wo der Server steht.
Sie ist, ob die Organisation noch handlungsfähig bleibt, wenn sich Anbieter, Vertrag oder politisches Umfeld ändern.
Medien- und KI-Kompetenz als lebenslange Infrastruktur begreifen
Die Schweiz braucht keinen zentralisierten nationalen Lehrplan.
Ihr föderales System ist zu differenzierterer Umsetzung fähig.
Aber die Fähigkeit selbst sollte national sein.
Kinder brauchen Quellenerkennung, Evidenzbeurteilung und ein Bewusstsein für Empfehlungssysteme.
Erwachsene brauchen praktische Kompetenzen, um Abstimmungsbehauptungen, politische Werbung und synthetische Medien zu beurteilen.
Ältere Menschen brauchen Unterstützung gegen Identitätsmissbrauch, Betrug und manipulierte Inhalte.
Journalistinnen, Journalisten und Amtsträger brauchen Standards für transparenten KI-Einsatz, Provenienz, Korrekturen und menschliche Verantwortlichkeit.
Das Ziel ist nicht, Bürgerinnen und Bürgern beizubringen, was sie denken sollen.
Es ist, ihre Fähigkeit zu bewahren, zu bestimmen, warum sie etwas glauben.
Niemand sollte es besitzen
Der Titel stellt eine einfache Frage.
Wem gehört Ihr nationales Gespräch?
Dem Staat sollte es nicht gehören.
Einem Verlag sollte es nicht gehören.
Einem Investor sollte es nicht gehören.
Einem öffentlichen Rundfunk sollte es nicht gehören.
Einer Plattform sollte es nicht gehören.
Einem Algorithmus sollte es nicht gehören.
Einer ausländischen Macht sollte es nicht gehören.
Und einem System künstlicher Intelligenz sollte es nicht gehören.
Die Antwort lautet nicht, dass niemand das Gespräch beeinflusst.
Einfluss ist unvermeidlich.
Redaktionen beeinflussen es.
Journalistinnen und Journalisten beeinflussen es.
Politikerinnen und Politiker beeinflussen es.
Eigentümer beeinflussen es.
Plattformen beeinflussen es.
Bürgerinnen und Bürger beeinflussen es.
Die Antwort lautet, dass kein Akteur unsichtbar unentbehrlich werden sollte.
Ein souveränes demokratisches Informationssystem ist eines, in dem viele Akteure sprechen können, Macht beobachtbar bleibt, Institutionen angefochten werden können, Bürgerinnen und Bürger die Kräfte verstehen können, die prägen, was sie sehen, und das Land die praktische Fähigkeit behält, den Kurs zu korrigieren.
Das ist kein Argument für die Kontrolle von Information.
Es ist ein Argument für die Steuerung von Abhängigkeit.
Die Schweiz versteht dieses Prinzip in anderen Bereichen längst.
Sie muss nicht ihre gesamte Energie selbst produzieren, um sich um Energiesouveränität zu kümmern.
Sie muss nicht jedes Medikament selbst herstellen, um Pflichtlager zu unterhalten.
Sie muss nicht jeden Cloud-Server besitzen, um Sicherheit, Portabilität und Wiederherstellbarkeit zu verlangen.
Und sie muss nicht jede Information selbst produzieren, die ihre Bevölkerung konsumiert, um Informationssouveränität zu bewahren.
Sie braucht starke inländische Beobachtung.
Unabhängigen Journalismus.
Plurales Eigentum.
Transparenten Einfluss.
Resiliente Verbreitung.
Auditierbare Plattformen.
Glaubwürdige öffentliche Institutionen.
Gebildete Bürgerinnen und Bürger.
Und Alternativen, die nutzbar bleiben, bevor das System versagt.
Jede Demokratie schützt Wahlen.
Jede Demokratie schützt Institutionen.
Jede Demokratie schützt eine Form nationaler Infrastruktur.
Die nächste Frage ist, ob Demokratien bereit sind, jenes Informationsumfeld zu schützen, aus dem legitime Entscheidungen hervorgehen.
Denn ein Land kann seine Grenzen, seine Verfassung und sein Abstimmungssystem behalten und dabei allmählich die Kontrolle über den Prozess verlieren, durch den seine Bürgerinnen und Bürger die vor ihnen liegenden Entscheidungen verstehen.
Und ist diese Fähigkeit einmal weg, verschwindet Souveränität nicht in einem dramatischen Akt.
Sie löst sich leise auf.
Eine geschlossene Redaktion.
Eine unsichtbare Algorithmusänderung.
Eine verlorene Quelle.
Eine vereinnahmte Institution.
Eine Generation, die aufhört hinzuschauen.
Eine Optimierung nach der anderen.
Forschungsgrundlage und weiterführende Literatur
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fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft, Universität Zürich, Jahrbuch Qualität der Medien 2024 und 2025. Schweizer Daten zu Mediennutzung, Newsrepertoires, redaktioneller Konzentration, Werbeerlösen und KI-vermittelter Nachrichtenauffindbarkeit.
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Reuters Institute for the Study of Journalism, Digital News Report 2026. Vergleichsdaten zu Nachrichtennutzung, Vertrauen, Zahlungsbereitschaft und Nachrichtenvermeidung in der Schweiz, in Finnland, Ungarn und weiteren Märkten.
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Bundesamt für Kommunikation, Medienmonitor Schweiz 2024. Analyse von Meinungsbildungsmacht, Eigentum und reichweitenstarken Medienorganisationen.
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Reporter ohne Grenzen, Rangliste der Pressefreiheit 2026. Vergleichende Indikatoren zur Pressefreiheit für die Schweiz, Finnland und Ungarn.
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Bundesamt für Statistik, historische Statistiken zu Schweizer Zeitungen und Publikationseinheiten.
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Science, Forschung zu den Effekten chronologischer und algorithmischer Facebook- und Instagram-Feeds während der US-Wahl 2020.
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Nature, Experimental- und Auditforschung zu den politischen Effekten von X und zu Empfehlungsasymmetrien auf TikTok.
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Ministerium für Bildung und Kultur Finnlands, Media Literacy in Finland: National Media Education Policy.
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OECD, Analyse des sektorübergreifenden finnischen Bildungssystems zur Medienkompetenz.
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Europäische Kommission, Digital Services Act, European Media Freedom Act sowie die Verordnung über Transparenz und Targeting politischer Werbung.
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Europäische Kommission und Media Pluralism Monitor, Berichte zu Media Capture, Unabhängigkeit des Service public, Staatswerbung und regulatorischen Bedingungen in Ungarn.
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Schweizerischer Bundesrat und UVEK, Vernehmlassungsunterlagen zum vorgeschlagenen Bundesgesetz über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen.
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SWITCH, Materialien zu resilienter Internetinfrastruktur und souveräner Schweizer Cloud-Governance.
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Thierry Gilgen, Digitale Souveränität ist kein Nationalismus.
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Thierry Gilgen, Souveränität misst sich an der Reaktionszeit.
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Thierry Gilgen, Menschliche Souveränität im Zeitalter der Maschinenintelligenz.
