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Digitale Souveränität ist kein Nationalismus

Nicht die Flagge des Lieferanten zählt, sondern welche Optionen der Kundschaft bleiben.

Swiss alpine lake and mountains with a Swiss flag on a rocky foreground peak

Die Debatte um digitale Souveränität kennt zwei bequeme Lager, und beide sind im Betrieb unbrauchbar. Das eine malt Autarkie: jedes Land eine eigene Cloud, eigene Modelle, eigene Chips, am Ende vielleicht ein eigenes Netz. Das andere erklärt das Thema für erledigt, sobald jemand Protektionismus sagt, und unterstellt den Befürwortern, sie hätten den Weltmarkt nicht verstanden.

Was zählt, liegt dazwischen — und tiefer.

Ausländische Technik abzulehnen ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, nüchtern zu klären, was folgt, wenn Systeme, ohne die die eigene Organisation nicht trägt, in fremder Hand liegen. Dann entscheidet sich, ob Preise ohne echte Verhandlung steigen dürfen, ob Zugang entzogen werden kann, ob Daten noch an einen anderen Ort gelangen, ob der Dienst ersetzbar bleibt, ob der Betrieb bei einem geopolitischen, kommerziellen, rechtlichen oder technischen Bruch weiterläuft, und ob intern überhaupt noch jemand das System versteht.

Das sind keine nationalistischen Fragen. Es sind Fragen der Steuerung und der Widerstandsfähigkeit.

Ein Schweizer Unternehmen kann eine amerikanische Cloud nutzen und trotzdem souveräne Architekturentscheide treffen. Eine europäische Organisation kann ein asiatisches Technologieprodukt kaufen, ohne die Kontrolle abzugeben. Open-Source-Software kann Souveränität stärken. Ein schlecht dokumentiertes System selbst zu betreiben schafft sie nicht von allein.

Souveränität hängt nicht an der Flagge am Hauptsitz des Lieferanten. Sie hängt an den Optionen, die der Kundschaft bleiben.

Solche Optionen sind konkret: vertragliche Rechte, Portabilität der Daten, Interoperabilität, interne Kompetenz, transparente Schnittstellen, austauschbare Komponenten und ein Ausstieg, den man wirklich gehen könnte.

Vollständige Unabhängigkeit ist weder realistisch noch erstrebenswert. Moderne Technik entsteht über internationale Lieferketten, Forschungsgemeinschaften, Normen und Märkte. Es braucht niemanden, der von der ganzen Welt unabhängig wäre. Es braucht Organisationen, die Abhängigkeiten noch beherrschen können.

Dafür braucht es Prioritäten. Nicht jede Newsletter-Plattform, jedes Analysewerkzeug oder jede Büroanwendung verdient eine nationale Strategie. Systeme der kritischen Infrastruktur, der öffentlichen Verwaltung, des Gesundheitswesens und des Finanzwesens, Systeme der Identität und der Kommunikation, dazu strategisch wichtige Daten: die verdienen eine schärfere Prüfung.

Digitale Souveränität beginnt, sobald eine Organisation das klar sagen kann: was unter ihrer Kontrolle bleiben muss; welche Abhängigkeiten sie hinnimmt; was ein Ausfall kosten würde; wie rasch ein Wechsel möglich wäre; welche Fähigkeiten intern bleiben müssen.

Wer das ernst nimmt, entscheidet in der Architektur, in der Beschaffung und im Umgang mit Risiko. Das ist, zunehmend, verantwortliche Führung.