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Die Disziplin des Friedens

Über Stärke, Misstrauen und die Arbeit, die weitergeht, nachdem Feinde zu sprechen beginnen.

  • Mit einem Gegner zu sprechen reicht nicht: Die härtere Frage ist, was zeigt, dass die Absicht, Frieden zu erhalten, zur Praxis geworden ist.
  • Stärke erklärt sich nicht von selbst. Verteidigung und Verhandlung können Instrumente derselben Politik sein; keines sollte Selbstzweck werden.
  • Misstrauen muss nicht jede Vereinbarung unmöglich machen. Verifikation gibt dem Misstrauen einen definierten Platz — einen Bruch zu erkennen ist noch nicht dasselbe wie Mittel oder Wille, ihn zu adressieren.
  • Gleicher menschlicher Wert ist nicht gleiche Verantwortung. Ziviles Leid anzuerkennen, klärt nicht, wer einen Konflikt begann oder wer Schuld einer Bevölkerung trägt.
  • Das Fehlen sichtbarer Konfrontation ist nicht automatisch gerechter Frieden. Regelungen sind danach zu beurteilen, wer gehört wird, was geprüft werden kann und was bei gebrochenen Verpflichtungen geschieht.
  • Die Disziplin des Friedens ist die Arbeit zwischen Absichtserklärung und funktionierendem Arrangement — einschliesslich der Möglichkeit, dass ein Angebot unzureichend ist oder ein Gegner eine begrenzte Verpflichtung erfüllt, ohne Freund zu werden.
Bedeutet das Zitieren historischer Führungsfiguren die Billigung ihrer gesamten Biografien?

Nein. Der Essay liest Verpflichtungen hinter ihren Worten, wenn guter Wille nicht ausreichte. Autorinnen und Autoren müssen keine makellosen Figuren sein; Zitieren entscheidet nicht über das Urteil ihrer Biografien.

Schreibt Schmidts Argument von 1981 Waffen oder Bedingungen für heutige Konflikte vor?

Nein. Seine Position gehörte zu einer bestimmten strategischen Lage. Sie zeigt Verteidigung und Verhandlung als Instrumente einer Politik; sie legt keine geeigneten Waffen, Bedingungen oder Sicherheitsarrangements für einen anderen Konflikt fest.[^S03]

Wer sagte, ein Nuklearkrieg könne nicht gewonnen werden und dürfe nie geführt werden?

Es ist eine gemeinsame US-sowjetische Erklärung in der Genfer Gipfelerklärung, verbunden mit Reagan und Gorbatschow — nicht die exklusive Formulierung eines der beiden. Einigung über Verifikation und Dialog verlangte keine Einigung über ihre politischen Systeme.[^S05]

Ist «trust, but verify» Reagans Erfindung?

Nein. Bei der INF-Unterzeichnung wiederholte er eine alte russische Maxime und band sie an Inspektionsarrangements. Die Maxime beschrieb, warum die Vertragsmechanik zählte; sie wurde nicht als deren Ersatz präsentiert.[^S06]

Erzeugt Verifikation für sich Einhaltung?

Nein. Einen Bruch zu erkennen unterscheidet sich davon, Mittel zu besitzen, ihn zu adressieren. Ein Inspektionsverfahren kann allein keinen politischen Willen zur Einhaltung erzeugen. Gemeinsame Erklärungen und Vertragstexte beweisen für sich auch nicht spätere Umsetzung.

Ist fehlende Spannung dasselbe wie Frieden?

Nicht zwingend. King kritisierte die Vorliebe für einen negativen Frieden (Abwesenheit von Spannung) gegenüber einem positiven Frieden (Gegenwart von Gerechtigkeit) im Kampf gegen Segregation — ein Setting, das der Essay vom zwischenstaatlichen Krieg unterscheidet. Etwas Frieden zu nennen, beantwortet nicht, wer gehört wurde.[^S08]

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Autor
Thierry Gilgen
Ausgabe
1
Veröffentlicht
2026-09-22
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Thierry Gilgen. Die Disziplin des Friedens. Ausgabe 1. 2026-09-22. https://www.thierry-gilgen-ict.ch/de/field-notes/the-discipline-of-peace

Editionsgeschichte

Thierry Gilgen. Die Disziplin des Friedens. Ausgabe 1. 2026-09-22. https://www.thierry-gilgen-ict.ch/de/field-notes/the-discipline-of-peace

Hinweis zur Recherche: Dies ist ein forschungsgestützter normativer Essay, kein peer-reviewed Paper, kein systematischer Review und keine Wahrscheinlichkeitsprognose. Das Begleitdossier unterscheidet gesicherte Fakten, zugeschriebene Berichte, datierte Einschätzungen, analytische Schlüsse und Veröffentlichungssperren. Historische Zitate dokumentieren Positionen in bestimmten Umständen; sie belegen nicht, dass identische Politiken anderswo identische Ergebnisse erzeugten. Empfehlungen sind Argumente des Autors. Recherche-Stichtag: 22. September 2026.

Golda Meir hatte eine Rede vorbereitet.

Archivporträt von Golda Meir
Golda Meir (1898–1978), Premierministerin Israels. Foto: Marion S. Trikosko, 1. März 1973. Library of Congress / U.S. News & World Report (gemeinfrei).

Als sie am 1. Oktober 1973 vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarats sprach, sagte sie dem Saal, sie habe beschlossen, den geschriebenen Text nicht zwischen sich und ihr Publikum zu legen. Im amtlichen Protokoll findet sich — zwischen Argumenten zur Sicherheit Israels und zur Behandlung jüdischer Auswanderinnen und Auswanderer — ein Satz, der kaum Einleitung braucht:

«There is a price for winning a war, too.»1

Sie sprach von jungen Menschen, die noch hätten leben sollen, um ihre Länder aufzubauen. Sie schloss jene auf arabischer Seite ein. Das war kein Verzicht auf Verteidigung: Dieselbe Rede bestand auf dem Recht zur Selbstverteidigung und lehnte Zugeständnisse an Geiselnehmer ab. Die Anerkennung von Leid erschien neben diesen Positionen, nicht an ihrer Stelle.1

Fünf Tage später griffen Ägypten und Syrien israelische Streitkräfte auf der Sinai-Halbinsel und den Golanhöhen an; der Oktoberkrieg von 1973 begann.2

Die Nähe dieser Daten macht den Satz schwer als bequemes historisches Bonmot zu lesen. Er wurde innerhalb eines ungelösten Konflikts gesprochen — kurz vor einem weiteren Krieg.

Genau dort will ich diese Fortsetzung beginnen.

[Reden ist keine Kapitulation]3 prüfte die Unterscheidung zwischen Kommunikation mit einem Gegner und der Annahme seiner Forderungen. Kontakt zu halten lässt jedoch eine härtere Frage offen: Was würde zeigen, dass die Absicht, Frieden zu erhalten, zur Praxis geworden ist?

Beim Lesen dieser historischen Reden geht es mir weniger darum, beruhigende Sätze zu sammeln, als die Verpflichtungen dahinter zu verstehen. Ihre Autorinnen und Autoren müssen keine makellosen Figuren werden, damit ihre Worte Aufmerksamkeit verdienen. Auch entscheidet das Zitieren nicht über das Urteil ihrer Biografien.

Die Frage lautet, was sie für nötig hielten, wenn guter Wille nicht ausreichte.

Wozu Stärke dient

Im September 1981 behandelte Helmut Schmidt den Streit um Sicherheit, Rüstung und Verhandlungen in einem Beitrag für die Gewerkschaftlichen Monatshefte.

Archivporträt von Helmut Schmidt
Helmut Schmidt (1918–2015), Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Jack Kightlinger, 13. Juli 1977. Weisses Haus / US-Bundesregierung (gemeinfrei).

Er verteidigte den NATO-Doppelbeschluss: Vorbereitungen zusätzlicher westlicher Raketenstationierungen neben Verhandlungen mit der Sowjetunion. Entscheidend wies er zurück, den Stationierungsteil als allein massgeblich zu behandeln. Sein erklärtes Ziel war ein militärisches Gleichgewicht in Europa auf möglichst niedrigem Niveau — nicht westliche militärische Überlegenheit.4

In diesem Argument schrieb er:

«Wer die Verhandlungen nicht will, kann sehr großen Schaden anrichten.»4

Schmidts Position gehörte zu einer bestimmten strategischen Lage. Sie legt weder die geeigneten Waffen noch Verhandlungsbedingungen oder Sicherheitsarrangements für einen anderen Konflikt fest.

Was sie feststellt: In seiner Darstellung waren Verteidigung und Verhandlung Instrumente derselben Politik. Keines von beiden sollte Selbstzweck werden.4

Das wirft eine Frage auf, die das Wort Stärke allein nicht beantwortet: Stärke — wozu?

Einen Angriff verhindern, eine Bevölkerung schützen, eine Verhandlungsposition verbessern und einen Gegner zum Verhaltenswechsel zwingen sind verschiedene Ziele. Eine Massnahme kann eines fördern und ein anderes erschweren. Sie bloss stark zu nennen, erklärt das Verhältnis nicht.

Dieselbe Prüfung gilt für einen Verhandlungsvorschlag. Die Existenz eines Angebots sagt wenig darüber, ob seine Bedingungen durchsetzbar sind, ob die Betroffenen Gehör haben oder ob seine Annahme ihre Sicherheit verbessern würde.

John F. Kennedy fasste die Spannung in seiner Antrittsrede vom 20. Januar 1961:

Offizielles Porträt von John F. Kennedy
John F. Kennedy (1917–1963), Präsident der Vereinigten Staaten. Foto: Cecil W. Stoughton, 11. Juli 1963. Weisses Haus (gemeinfrei).

«Let us never negotiate out of fear. But let us never fear to negotiate.»5

Die beiden Sätze gehören zusammen. Sie benennen verschiedene Gefahren: Einschüchterung die Bedingungen bestimmen zu lassen — und die Scheu vor Verhandlung sie ganz zu verhindern.

Kein Satz liefert die Antwort auf einen konkreten Streit. Zusammen machen sie die Frage anspruchsvoller als die Wahl zwischen hartem und weichem Auftreten.

Was Misstrauen braucht

Beim Genfer Gipfel im November 1985 räumten Ronald Reagan und Michail Gorbatschow ein, dass zwischen ihren Regierungen ernste Unterschiede blieben. Ihre gemeinsame Erklärung hielt dennoch eine Vereinbarung fest:

Offizielles Porträt von Ronald Reagan
Ronald Reagan (1911–2004), Präsident der Vereinigten Staaten. Offizielles Porträt: Michael Evans, 7. Februar 1981. Weisses Haus (gemeinfrei).
Archivporträt von Michail Gorbatschow
Michail Gorbatschow (1931–2022), Generalsekretär der KPdSU. White House Library, 8. Dezember 1987 (Ausschnitt). Werk der US-Bundesregierung (gemeinfrei).

«a nuclear war cannot be won and must never be fought.»

Die Erklärung betraf auch Verifikation, fortgesetzten Dialog und mögliche Zentren zur Verringerung nuklearen Risikos. Einigung in diesen Punkten verlangte keine Einigung über ihre politischen Systeme.6

Zwei Jahre später, bei der Unterzeichnung des Vertrags über nukleare Mittelstreckenwaffen (INF), wiederholte Reagan eine alte russische Maxime:

«trust, but verify.»

Er verband sie unmittelbar mit Inspektionsarrangements — einschliesslich Teams auf dem Territorium des anderen Landes. Die Maxime wurde nicht als Ersatz für die Vertragsmechanik präsentiert. Sie beschrieb, warum diese Mechanik zählte.7

Das ist der Teil der Geschichte, der am direktesten mit meiner eigenen Arbeit verbunden ist.

In einem System, auf das andere angewiesen sein müssen, ist eine Zusicherung nicht dasselbe wie eine Kontrolle. Eine Verpflichtung zählt — und ebenso die Fähigkeit festzustellen, ob sie erfüllt wurde. Jemand muss eine Abweichung bemerken, sie prüfen und entscheiden können, was als Nächstes geschieht.

Staaten sind keine Softwarekomponenten. Ihre Geschichten, Interessen und politische Autorität lassen sich nicht auf ein Architekturdiagramm reduzieren. Dennoch gibt es einen erkennbaren Unterschied zwischen dem Glauben, etwas werde geschehen, und einem Arrangement, über das es geprüft werden kann.

Man denke an eine Vereinbarung, die einen militärischen Abzug verlangt. Was bestimmt die erfassten Kräfte? Wer stellt fest, dass sie verlegt wurden? Was geschieht, wenn die Parteien widersprüchliche Darstellungen liefern? Löst eine behauptete Verletzung Untersuchung, Konsultation oder eine sofortige Reaktion aus?

Das sind Fragen zur Substanz der Vereinbarung — keine Verwaltungsdetails, die man nach der Unterschrift der wichtigen Personen nachträgt.

Verifikation hat Grenzen. Einen Bruch zu erkennen unterscheidet sich davon, Mittel zu besitzen, ihn zu adressieren. Ein Inspektionsverfahren kann für sich allein keinen politischen Willen zur Einhaltung erzeugen.

Das historische Beispiel stützt deshalb weder blindes Vertrauen noch die Behauptung, Misstrauen mache jede Vereinbarung unmöglich. Es zeigt zwei Regierungen, die dem Misstrauen in ihren Arrangements einen definierten Platz zu geben versuchten.67

Ein Feind ist keine Bevölkerung

Am 20. November 1977 sprach Anwar as-Sadat vor der israelischen Knesset.

Offizielles Porträt von Anwar as-Sadat
Anwar as-Sadat (1918–1981), Präsident Ägyptens. Offizielles Porträt (um 1980). Wikimedia Commons, als gemeinfrei unter ägyptischer Behördenpraxis (PD-EG) ausgewiesen.

Im veröffentlichten englischen Transkript sagte er:

«Any life lost in war is a human life, irrespective of its being that of an Israeli or an Arab.»

Er sprach von Witwen und Kindern auf beiden Seiten. Er trug auch inhaltliche Forderungen zu territorialem Rückzug und palästinensischen Rechten vor. Menschliche Anerkennung ersetzte seine politische Position nicht; sie erschien innerhalb derselben.8

Das ist eine Unterscheidung, die intakt bleiben sollte.

Gleicher menschlicher Wert und gleiche Verantwortung sind verschiedene Aussagen. Das Leid von Zivilpersonen anzuerkennen, klärt nicht, wer einen Konflikt begann, wer eine bestimmte Tat beging oder wer Verantwortung für seine Fortsetzung trägt. Diese Fragen brauchen eigene Belege.

Umgekehrt begründet die Feststellung von Verantwortung für eine Tat logisch nicht die Schuld einer ganzen Bevölkerung.

Sadats Rede lässt sich lesen, ohne so zu tun, als seien diese Unterscheidungen leicht gewesen — oder als hätte das Sprechen mit einem Gegner die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen aufgehoben. Das Transkript erkennt Misstrauen und fehlendes Vertrauen ausdrücklich an. Er nahm diese Bedingungen auf, statt zu behaupten, sie seien bereits verschwunden.8

Für eine Verhandlung gibt es eine weitere praktische Unterscheidung: einen Gegner zu verstehen ist nicht dasselbe, wie seine Darstellung zu akzeptieren.

Eine Einschätzung dessen, was jemand fürchtet, will oder glaubwürdig liefern kann, kann nützlich sein, ohne zur Billigung zu werden. Sie kann Spielraum für eine Vereinbarung zeigen. Sie kann zeigen, dass ein vorgeschlagenes Abkommen keine glaubwürdige Grundlage hat. Beides hängt davon ab, mehr zu verstehen als das Etikett Feind.

Die schwierige Arbeit liegt zwischen dem Entschuldigen eines Gegners und der Weigerung, irgendetwas über ihn zu lernen.

Frieden für wen?

In dieser Erörterung liegt eine Gefahr.

Ein Essay über die Verringerung von Konflikt kann dazu abgleiten, jede Störung als Problem und jedes Erscheinungsbild von Stabilität als Erfolg zu behandeln. Martin Luther King Jr.s Brief aus dem Gefängnis von Birmingham vom April 1963 legt diese Schwierigkeit offen.

Archivporträt von Martin Luther King Jr.
Martin Luther King Jr. (1929–1968). Foto: Dick DeMarsico, 1964. New York World-Telegram & Sun Collection, Library of Congress (gemeinfrei).

Er kritisierte die Vorliebe für:

«a negative peace which is the absence of tension to a positive peace which is the presence of justice.»

King verteidigte gewaltfreien direkten Widerstand gegen rassische Segregation. Er argumentierte, solcher Widerstand könne den Druck erzeugen, der eine Gemeinschaft, die Verhandlung verweigere, in bedeutsame Verhandlung bringe. Sein Einwand galt nicht dem Dialog, sondern einer Ordnung, in der Appelle an Geduld Unrecht fortsetzten.9

Der Kampf gegen Segregation ist nicht austauschbar mit einem Krieg zwischen Staaten. Die Relevanz hier ist enger: Das Fehlen sichtbarer Konfrontation sagt nicht alles über die Bedingungen, unter denen Menschen leben.

Ein vorgeschlagener Vergleich kann deshalb auf mehr als einer Zeitskala geprüft werden. Er mag unmittelbare Gewalt verringern und grundlegende Streitfragen ungelöst lassen. Diese unmittelbare Verringerung hat einen eigenen Sinn; sie belegt nicht automatisch, dass die resultierende Ordnung sicher oder gerecht ist.

Ebenso macht eine ungelöste Beschwerde nicht jede begrenzte Vereinbarung bedeutungslos.

Die Fragen betreffen sowohl den jetzt verfügbaren Schutz als auch die danach bleibenden Möglichkeiten. Können Menschen an Entscheidungen teilhaben, die sie betreffen? Können sie Missbrauch anfechten? Welcher Rechtsweg bleibt, wenn eine Verpflichtung gebrochen wird? Wer soll ein Risiko akzeptieren — und wer darf dieses Risiko als akzeptabel beschreiben?

Diese Fragen erschweren auch die Position einer aussenstehenden Beobachterin. Eine Vereinbarung, die aus der Ferne handhabbar scheint, kann Gefahr unter denen, die mit ihr leben müssen, sehr ungleich verteilen.

Etwas Frieden zu nennen, beantwortet nicht, wer gehört wurde.

Der Tag nach der Vereinbarung

In einem Vortrag am MIT im Oktober 2001 sagte John Hume:

Archivporträt von John Hume
John Hume (1937–2020). Foto: Sharon Farmer, 30. November 1995. Clinton Presidential Library / Weisses Haus (gemeinfrei).

«There is no peace without dialogue.»

Doch der zeitgenössische Bericht der Universität hält erheblich mehr fest als einen Appell zum Reden. Hume beschrieb Respekt vor Differenz, Institutionen, die diesen Respekt verkörpern, und Zusammenarbeit um gemeinsame Interessen. Er erörterte auch Wohnen, Bildung und Beschäftigung als Teil des Aufbaus lebensfähiger Gemeinschaften.10

In dieser Darstellung hängt eine Vereinbarung nicht davon ab, dass alle dieselbe Identität annehmen, die Vergangenheit gleich erinnern oder politische Ziele aufgeben.

Die Aufgabe ist festzulegen, wie fortbestehende Unterschiede gehandhabt werden.

Man stelle sich einen Zwischenfall nach unterzeichneter Vereinbarung vor. Ein Schuss fällt. Eine Anschuldigung kursiert. Jede Seite glaubt, die andere habe ihre Verpflichtungen gebrochen.

In diesem Moment beantwortet das Foto der Unterzeichnungszeremonie sehr wenig.

Relevant ist, ob ein funktionierender Kontaktkanal besteht, ob Beweise gesichert und geprüft werden können und ob jemand befugt ist, den Zwischenfall zu adressieren, ohne den gesamten Konflikt neu zu öffnen. Es kann auch Streit um die Untersuchenden selbst geben. Ein Arrangement muss auch diese Möglichkeit aufnehmen.

Dieses Gedankenexperiment ist keine Vorhersage, Verfahren würden stets obsiegen. Es zeigt die Distanz zwischen der Ankündigung einer Regelung und ihrem Betrieb.

Dag Hammarskjöld formulierte 1954 eine verwandte Vorstellung von Institutionen. Indem er einen Gedanken wiederholte, den die Hammarskjöld-Stiftung auf Henry Cabot Lodge Jr. zurückführt, beschrieb er den Zweck der Vereinten Nationen als Verhinderung von Katastrophen — nicht als Lieferung einer idealen Welt.11

Archivporträt von Dag Hammarskjöld
Dag Hammarskjöld (1905–1961), UN-Generalsekretär. Nobel-Stiftung, 1961. In Schweden gemeinfrei (PD-Sweden-photo); über Wikimedia Commons.

Das ist ein begrenzter Anspruch, aber kein leerer.

Er stellt auch ein Beweisproblem. Dass eine Krise nicht eskalierte, belegt für sich nicht, dass eine bestimmte Institution die Eskalation verhinderte. Ebenso belegt das Fortbestehen von Meinungsverschiedenheit nicht, dass eine Institution nichts erreicht hat.

Die Bewertung muss über die Existenz der Organisation oder die Sprache ihres Mandats hinausreichen. Was konnte sie beobachten? Was konnte sie tun? Was geschah, wenn ihre Entscheidungen angefochten wurden?

Kennedys Formulierung an der American University im Juni 1963 passt hierher:

«For peace is a process—a way of solving problems.»12

Ein Prozess muss weiter funktionieren, nachdem die Menschen, die ihn begannen, den Raum verlassen haben.

Was wir schützen wollten

Es gibt einen weiteren Preis, der ausserhalb der unmittelbaren Bilanz von Opfern und Zerstörung liegt.

In The Chance for Peace, gehalten am 16. April 1953, verglich Dwight D. Eisenhower die von Rüstung verbrauchten Ressourcen mit Schulen, Spitälern, Wohnungen und Nahrung. In derselben Rede hielt er fest, bedrohte Gesellschaften müssten bewaffnet und vorbereitet bleiben. Sein Argument enthielt sowohl die Notwendigkeit, die er der Verteidigung zuschrieb, als auch die Last, die diese Notwendigkeit erzeugt.13

Offizielles Porträt von Dwight D. Eisenhower
Dwight D. Eisenhower (1890–1969), Präsident der Vereinigten Staaten. Offizielles Porträtfoto, 29. Mai 1959. Weisses Haus / Eisenhower Presidential Library (gemeinfrei).

Die ökonomische Frage verschwindet nicht, weil eine Sicherheitsausgabe für nötig gehalten wird. Ressourcen, die einem Zweck dienen, können nicht zugleich jedem anderen Zweck dienen.

Aber das Umgekehrte gilt ebenfalls: Eine Opportunitätskosten-Identifikation belegt nicht, dass die Ausgabe gefahrlos entfallen kann.

Das ist eine unbequeme Rechnung. Sie widersteht der Bequemlichkeit, entweder Sicherheit oder soziale Versorgung für irrelevant zur anderen zu erklären. Die Institutionen, die eine Gesellschaft schützen will, brauchen Ressourcen; ebenso die Massnahmen, die sie schützen sollen.

Eisenhowers Rede führt die Erörterung zurück auf das, was Menschen mit ihrem Leben tun wollten, bevor die Bedrohung zum ordnenden Anliegen wurde.13

Willy Brandt gab diesem Verhältnis am 3. November 1981 einen knappen Ausdruck:

Archivporträt von Willy Brandt
Willy Brandt (1913–1992), Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Marion S. Trikosko (U.S. News & World Report / Library of Congress; gemeinfrei).

«Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts.»14

Die Passage steht in einer Erörterung nuklearer Gefahr und bevorstehender Verhandlungen. Sie ist Ausdruck der Einsätze — keine Spezifikation der Bedingungen, unter denen irgendeine Vereinbarung anzunehmen wäre.14

Neben King gelesen, bleibt eine Spannung, die sich nicht durch die Wahl des attraktiveren Zitats auflösen lässt. Die Verhinderung von Gewalt zählt — und ebenso die Bedingungen, unter denen Menschen danach leben. Neben Schmidt gelesen, bleibt das Verhältnis von Verteidigung und Verhandlung prüfbar, statt eines ins andere zu kollabieren.9414

Diese Quellen ergeben kein einziges Programm. Sie stellen einen Satz verbundener Fragen zu Sicherheit, menschlichen Kosten, Verifikation, Gerechtigkeit und den Institutionen, die fortbestehenden Dissens handhaben müssen.

Das meine ich hier mit der Disziplin des Friedens.

Es ist die Arbeit zwischen Absichtserklärung und funktionierendem Arrangement: festzustellen, was versprochen ist, was geprüft werden kann, wessen Interessen vertreten sind und was geschieht, wenn etwas schiefgeht. Sie schliesst die unbequeme Möglichkeit ein, dass ein Angebot unzureichend ist — ebenso die Möglichkeit, dass ein Gegner eine begrenzte Verpflichtung erfüllen kann, ohne zum Freund zu werden.

Ich begann mit Meirs Beobachtung, weil sie dem Sieg die Schliessung der Rechnung verweigert.

Auch nachdem das militärische Ergebnis einen Namen hat, gibt es Menschen, die nicht zu ihren Familien, ihrer Arbeit oder dem Leben zurückkehren, das sie erwartet hatten. Ihre Rede erkannte diesen Verlust auf beiden Seiten an.1

Jenseits der historischen Dokumente kehre ich zu den gewöhnlichen Dingen zurück, um die es geht: eine Schule, die öffnet; ein Zuhause, das Zuhause bleibt; ein Mensch, der Pläne machen kann, ohne sie um den nächsten Notfall zu organisieren.

Diese Leben sind nicht der Hintergrund des Gegenstands.

Sie sind der Grund, warum der Gegenstand zählt.

Hinweis zu Zitaten: Englische Übersetzungen von Schmidt und Brandt in der englischen Fassung dieses Essays sind redaktionell geliefert; hier gelten die deutschen Originale. Humes Äusserungen werden über den zeitgenössischen MIT-News-Bericht seines Vortrags zitiert — nicht über ein vollständiges Transkript. Die englische Sadat-Wiedergabe folgt der veröffentlichten Reproduktion (Jewish Virtual Library), keiner neu geprüften arabischen Primärübersetzung für dieses Paket. Historische Quellen dokumentieren Positionen in bestimmten Umständen; sie belegen nicht, dass identische Politiken anderswo identische Ergebnisse erzeugten.

Quellen

Footnotes

  1. Meir, Golda. Rede vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, 1. Oktober 1973. Archiv der Parlamentarischen Versammlung. https://assembly.coe.int/nw/xml/Speeches/Speech-XML2HTML-EN.asp?SpeechID=146 ↩ ↩2 ↩3

  2. U.S. Department of State, Office of the Historian. The 1973 Arab-Israeli War. Milestones in the History of U.S. Foreign Relations, 1969–1976. https://history.state.gov/milestones/1969-1976/arab-israeli-war-1973 ↩

  3. Gilgen, Thierry. Reden ist keine Kapitulation (Talking Is Not Surrender). Thierry Gilgen ICT Library / Field Notes. https://www.thierry-gilgen-ict.ch/field-notes/talking-is-not-surrender ↩

  4. Schmidt, Helmut. «Zur aktuellen Sicherheits- und Friedensdebatte.» Gewerkschaftliche Monatshefte, September 1981, S. 530–535. Digitalisat der Friedrich-Ebert-Stiftung. https://library.fes.de/gmh/main/pdf-files/gmh/1981/1981-09-a-530.pdf ↩ ↩2 ↩3 ↩4

  5. Kennedy, John F. Inaugural Address, 20. Januar 1961. John F. Kennedy Presidential Library and Museum. https://www.jfklibrary.org/archives/other-resources/john-f-kennedy-speeches/inaugural-address-19610120 ↩

  6. Vereinigte Staaten und Sowjetunion. Joint Soviet-United States Statement on the Summit Meeting in Geneva, 21. November 1985. Ronald Reagan Presidential Library and Museum. https://www.reaganlibrary.gov/archives/speech/joint-soviet-united-states-statement-summit-meeting-geneva ↩ ↩2

  7. Reagan, Ronald. Remarks on Signing the Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty, 8. Dezember 1987. Ronald Reagan Presidential Library and Museum. https://www.reaganlibrary.gov/archives/speech/remarks-signing-intermediate-range-nuclear-forces-treaty ↩ ↩2

  8. Sadat, Anwar. Rede vor der israelischen Knesset, 20. November 1977. Englisches Transkript über Jewish Virtual Library. https://jewishvirtuallibrary.org/address-by-egyptian-president-anwar-sadat-to-the-knesset ↩ ↩2

  9. King, Martin Luther Jr. Letter from Birmingham Jail, 16. April 1963. Auszug über Dickinson College Knowledge for Freedom. https://housedivided.dickinson.edu/sites/teagle/texts/martin-luther-king-jr-letter-from-birmingham-jail-1963/ ↩ ↩2

  10. Wright, Sarah H. «Hume urges respect for diversity, patience in conflict resolution.» MIT News Office, 17. Oktober 2001. Bericht über den Vortrag vom 15. Oktober 2001. https://news.mit.edu/2001/hume-1017 ↩

  11. Dag Hammarskjöld Foundation. «A day of remembrance – and a reminder of the United Nations’ reason for existence,» 27. Januar 2021. https://www.daghammarskjold.se/blog/day-of-remembrance-reminder-of-united-nations-reason-for-existence/ ↩

  12. Kennedy, John F. Commencement Address at American University, Washington, D.C., 10. Juni 1963. John F. Kennedy Presidential Library and Museum. https://www.jfklibrary.org/archives/other-resources/john-f-kennedy-speeches/american-university-19630610 ↩

  13. Eisenhower, Dwight D. Rede The Chance for Peace, 16. April 1953. The American Presidency Project, UC Santa Barbara. https://www.presidency.ucsb.edu/documents/address-the-chance-for-peace-delivered-before-the-american-society-newspaper-editors ↩ ↩2

  14. Brandt, Willy. Auszug aus der Rede zum hundertjährigen Bestehen von J.H.W. Dietz Nachf., Bonn, 3. November 1981. In Berliner Ausgabe, Bd. 5, Dokument 80, S. 363–371. https://www.willy-brandt-biografie.de/wp-content/uploads/2019/09/WB_BerlinerAusgabe_05.pdf ↩ ↩2 ↩3

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