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Noch einmal fragen dürfen

Eine Bibliothek ist keine Auskunftsstelle. Sie hütet genug Vergangenheit, damit Ungeborene Fragen stellen können, die uns noch nicht einfallen.

Numbered wooden archive crates in a stone cloister corridor at dusk, one lid open on bound manuscripts, no people
  • Belege hüten für Fragen, die uns noch nicht einfallen.
  • 1938 Schwarber/Hauser: Tresor, Engelberg. 1939 bereit; 1946 zurück.
  • Minimalbetrieb, zehn Tage zu. Widersprüche bleiben.
  • Überfall tilgt Unerwünschtes. Extraktion wirft das Objekt weg.
  • Bartz v. Anthropic 23.6.2025: drei Nutzungen. Vergleich 20.7.2026 nur Piratenklasse.
  • UNESCO 29.7.2026: 545 Stätten UA, 22 Bibliotheken. Haag Art. 3: in Friedenszeiten.
Wie sah der Basler Krisenplan aus?

Nach der Annexion des Sudetenlands 1938 arbeiteten Karl Schwarber und Regierungsrat Fritz Hauser einen Plan aus. Wertvolle Drucke in den Tresor der Basler Kantonalbank, Handschriften ins Kloster Engelberg. Die Regierung genehmigte. Als der Krieg im September 1939 begann, waren die Kisten nummeriert. Die Bestände kamen 1946 zurück.

Lief das Haus im Krieg normal weiter?

Nein. Regenass beschreibt einen Minimalbetrieb. Viele Mitarbeitende standen im Aktivdienst. Einmal schloss die Bibliothek zehn Tage. Schwarber hielt trotzdem fest, Lehre und Forschung müssten das Haus nutzen können. Schutz und Zugang ziehen aneinander.

Warum *Globi wird Soldat* behalten?

Eine Bibliothek muss ein Objekt nicht schätzen, um es zu hüten. Das Buch erschien 1940 in Zürich; Guisan genehmigte es; es war nicht verboten. Der Vortrag zeigte eine Notiz über schlechten Geschmack. Das ist Vortragsbeleg, kein öffentlicher Katalogzugang. Das Urteil selbst wird zum historischen Beleg.

Ist industrielles Scannen eine Bücherverbrennung?

Nein. Absicht und Gewalt sind andere. Ein Überfall zerstört, was unerwünscht ist. Extraktion behält, was nützlich ist, und kann das Objekt wegwerfen. Nicht dieselbe Tat. Beides kann kulturelle Wahl verkleinern, wenn der Beleg nicht wiederherzustellen ist.

Was hat das amerikanische Gericht wirklich entschieden?

Drei Nutzungen, nicht eine. Trainingskopien: fair use. Gekaufte Drucke, eins zu eins digital, Druck zerstört, Dateien nicht weitergegeben: fair use. Piratenkopien aus LibGen und PiLiMi: nicht fair use. Der Vergleich über 1,5 Milliarden Dollar vom 20. Juli 2026 gilt nur für die Piratenklasse. Er ist keine Lizenz.

Wozu ist eine Bibliothek da?

Damit später noch gefragt werden kann. Originale, Herkunft, plurale Sammlungen, Kompetenz, und das Recht zu entscheiden, wie die Sammlung genutzt wird. Genug Vergangenheit, damit die Gegenwart kein Monopol darüber bekommt, was die Zukunft wissen darf.

Noah Regenass sprach am Abend des 26. August 2026 in der Universitätsbibliothek Basel über dieses Haus im Zweiten Weltkrieg. Ich sass im Saal.

Den Titel hatte niemand für die Ankündigung erfunden. Er steht in den Akten:

«(…) wir dürfen noch nicht an die Heimholung unseres Fluchtgutes denken.»

An die Heimholung unseres Fluchtgutes dürfen wir noch nicht denken.

Für Kriegszeit ist das ein merkwürdig ruhiger Satz.

Kein Pathos. Keine Proklamation.

Nur eine Institution, die einen Teil ihres Gedächtnisses in Sicherheit gebracht hatte. Und ein Bibliothekar, der wusste: zurückholen wäre verfrüht.

Was mich an diesem Abend hielt, war keine Sensation aus dem Magazin. Es war die Methode.

Regenass ordnete die Leute der dreissiger und vierziger Jahre nicht vom Jahr 2026 aus in moralisch bequeme Fächer. Er baute Entscheide wieder auf, Briefe, Lagen, Widersprüche.

Einiges wirkt heute von erstaunlicher Voraussicht.

Anderes reibt.

Manches bleibt offen, weil der überlebende Beleg keinen Schluss hergibt.

Gerade diese Enthaltsamkeit machte die Geschichte dichter, nicht dünner.

Zuerst verstehen. Dann, wenn überhaupt, urteilen.

Vielleicht hütet eine ernsthafte Bibliothek zuerst das.

Nicht Unschuld.

Komplexität.


Die Kisten waren schon nummeriert

Basel war im Zweiten Weltkrieg neutral.

Unverwundbar war es nicht.

Eine Grenzstadt zwischen Deutschland und Frankreich durfte nicht darauf bauen, Neutralität schütze jedes Gebäude, jede Sammlung, jeden Menschen darin. Bomben fielen auf Basel. In der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 1940 sollte ein Angriff der Royal Air Force die Bahn treffen. Er traf die Stadt. Vier Menschen starben.

An der Universitätsbibliothek hatte man die Gefahr früher gedacht.

Karl Schwarber war seit 1920 im Haus. Seit 1935 Oberbibliothekar, also der leitende Bibliothekar. Schon in den dreissiger Jahren fragte er, was mit den Beständen geschähe, wenn der Krieg Basel erreichte.

Die Fragen klangen nach Betrieb, nicht nach Rhetorik.

Wie schützt man wertvolle Bücher vor Bomben?

Was, wenn Sammlungen geplündert werden?

Welches Material würde die nationalsozialistische Ideologie besonders gefährden?

Wohin mit den Handschriften?

Wie bleibt eine Universitätsbibliothek arbeitsfähig, wenn ein grosser Teil des Personals in den Aktivdienst muss?

Nach der Annexion des Sudetenlands durch das nationalsozialistische Deutschland 1938 arbeitete Schwarber mit Regierungsrat Fritz Hauser, Vorsteher des Erziehungsdepartements, einen konkreten Krisenplan aus.

Die wertvollsten Drucke: in den Tresor der Basler Kantonalbank, damals neben dem Hotel Drei Könige.

Die Handschriften: ins Benediktinerkloster Engelberg.

Die Basler Regierung genehmigte die Massnahmen. Mit Bank und Kloster gab es Vereinbarungen. Inventare sollten regelmässig geprüft werden. Einzelne Stücke durften vorübergehend zurück, wenn die Forschung sie brauchte.

Als der Krieg im September 1939 begann, wartete der Plan nicht mehr auf Umsetzung.

Er lag bereit.

Die eigene Jubiläumsschrift der Universitätsbibliothek hält einen wunderbar unheroischen Beleg fest. Am 1. September 1939 teilt ein Bibliothekar namens Scherrer Schwarber mit, die Kisten seien verpackt und nach Nummern geordnet.

Vielleicht ist das das überzeugendste Bild von Vorbereitung, das es gibt.

Keine Rede.

Kein Strategiepapier.

Nummerierte Kisten.

Die Gefahr war noch nicht da.

Die Bücher waren schon gepackt.

Ich habe früher geschrieben, Preparedness Is the Highest Form of Sovereignty meine eine Fähigkeit: erkennen, entscheiden und handeln, bevor der Druck die Wahl nimmt.

In Basel 1939 hatte dieses Prinzip Kistennummern.

Figure 1. Der Plan von 1938. Drucke in den Banktresor. Handschriften nach Engelberg. Das Haus im Minimalbetrieb. Bereit, als der Krieg begann.
Figure 1. Der Plan von 1938. Drucke in den Banktresor. Handschriften nach Engelberg. Das Haus im Minimalbetrieb. Bereit, als der Krieg begann.

Was Schutz verdiente

Was man schützte, war nicht beliebig.

Unter den Handschriften lagen Basiliensia: Werke mit einer besonderen Bindung an Basel und seine Geistesgeschichte.

Schriften von Thomas Platter.

Humanistenbriefe.

Handschriften, die mit Erasmus von Rotterdam verbunden sind.

Hebraica — Drucke und Handschriften auf Hebräisch.

Und der Basler Koran, die bekannte Bibliander-Ausgabe, gedruckt bei Johannes Oporinus.

Nach Regenass’ Lesung der Akten war Schwarber klar: jüdische und hebräische Bestände wären besonders gefährdet gewesen, wären sie in nationalsozialistische Hände gefallen.

Auch das eigene Katalogsystem wurde zum Schutzobjekt.

Der Zettelkatalog — die Kästen, in denen das Haus wusste, was es überhaupt besass — wanderte nach Kriegsausbruch in den Keller.

Die Kartensammlung wurde versiegelt.

Eine Karte ist nicht bloss Gelehrsamkeit, wenn Armeen sich bewegen.

Geographische Information wird schnell militärische Information.

Die geschützten Bestände blieben Jahre fort.

1946 kamen sie zurück.


Minimalbetrieb ist immer noch Betrieb

Die Universitätsbibliothek blieb während des Kriegs nicht im gewohnten Gang.

Regenass beschreibt einen Minimalbetrieb.

Viele Mitarbeitende standen im Aktivdienst. Der Personalmangel wurde dauernd. Einmal musste das Haus zehn Tage schliessen, weil schlicht zu wenige Menschen da waren.

Zugleich hielt Schwarber fest: Lehre und Forschung müssten das Haus weiter nutzen können.

Das ist kein Nebensatz.

Die Verantwortung einer Bibliothek im Krieg erschöpft sich nicht darin, Wertvolles in Kisten zu legen.

Sie besteht auch darin, so lange Bibliothek zu bleiben, wie es vernünftig möglich ist.

Schutz und Zugang ziehen aneinander.

Schliesst man alles, mag die Sammlung sicherer sein. Das Haus hört auf, seine öffentliche Aufgabe zu erfüllen.

Lässt man alles offen, als hätte sich nichts geändert, kann man Institution und Sammlung verlieren.

Hüten heisst, diese Spannung zu führen.

Elegant ist das selten.


Das Archiv macht keine Helden

Aus Basel liesse sich leicht eine Heldenerzählung schneiden.

Ein weitsichtiger Bibliothekar sieht die Gefahr.

Die Schätze gehen fort.

Die Zivilisation ist gerettet.

Die Akten erlauben diese Glätte nicht.

Es ist ein Brief überliefert zur Frage, ob man während des Personalmangels Frauen befristet anstellen könne.

Schwarber schrieb, die weitere Entwicklung werde zeigen, ob weibliche Aushilfskräfte nötig würden. Vorläufig sehe er dafür keine Notwendigkeit.

Das steht da, während das Haus so sehr unter Personalmangel litt, dass es vorübergehend schliessen musste.

Der Widerspruch ist unbequem.

Er soll unbequem bleiben.

Es gibt weitere offene Stellen.

Regenass fand Unterlagen, wonach die Universitätsbibliothek Bücher von einem jüdischen Verkäufer in Frankfurt kaufte. Die genauen Umstände dieses Handels sind noch nicht rekonstruiert.

Es gab auch Pläne, antiquarisches Material zu kaufen, das infolge der Pogrome in Deutschland auf den Markt gekommen war. Aus dem bisher veröffentlichten Beleg ist nicht klar, ob dieser Kauf abgeschlossen wurde.

Diese Unterscheidung darf nicht verschwinden.

Eine Quittung belegt einen Handel.

Sie belegt nicht automatisch Raubgut.

Herkunftsforschung existiert genau deshalb: die Lage zwischen diesen zwei Sätzen muss festgestellt werden, nicht ausgemalt.

Auch das ideologische Bild bleibt komplex.

Regenass beschreibt den Briefwechsel mit deutschen Bibliotheken, in dem das Basler Haus bewusst die Schlussformel Mit kollegialem Gruss behielt, statt nationalsozialistische Grussformen zu übernehmen.

Die Bibliothek kaufte weiter kommunistische Literatur, weil Forschung in Schwarzbers Vorstellung der Institution nicht an ideologischen Grenzen enden sollte.

Keine dieser Tatsachen hebt die anderen auf.

Ein Mensch kann eine Gefahr klar sehen und für eine andere blind bleiben.

Eine Institution kann auf einem Feld mutig handeln und auf einem anderen beharrlich altmodisch.

Das ist kein Defekt der Überlieferung.

Das ist die Überlieferung.

Die Versuchung, die Toten nach dem moralischen Wortschatz der Lebenden zurechtzuschneiden, ist verständlich.

Aber wenn Geschichte erst nützlich wird, nachdem jeder Widerspruch weggeräumt ist, studieren wir keine Geschichte mehr.

Wir stellen eine Lektion her.

Ein ernsthaftes Archiv tut etwas Härteres.

Es behält den Beleg.


Globi wird Beleg

Eine der Folien, die an diesem Abend haften blieb, zeigte ein ganz anderes kulturelles Objekt.

Globi wird Soldat.

Das Kinderbuch erschien zuerst 1940 in Zürich. Ignatius Karl Schiele war für Planung und Redaktion verantwortlich, Robert Lips für die Zeichnungen, Alfred Bruggmann für die Verse.

Globis Verwandlung in einen Soldaten gehörte eindeutig zur Atmosphäre der kriegszeitlichen Schweiz. Das Buch war öffentlich, zeitgenössisch, patriotisch und von General Henri Guisan genehmigt.

Kein verbotenes Buch.

Nicht unter der Erde.

Teil der Kultur.

Was die Folie so einprägsam machte, war das Urteil daneben.

Der Vortrag zeigte eine Notiz. Sie verurteilte die Armee als Stoff eines Kinder-Scherzbuchs und nannte das Werk einen Beleg für bemerkenswert schlechten Geschmack im fünften Kriegsjahr.

Ich bin hier absichtlich vorsichtig.

Die Notiz wurde im Vortrag gezeigt. Ich habe keinen öffentlichen Katalogeintrag gefunden, der selbstständig einen Militaria-Zugang der Universitätsbibliothek Basel aus dem Jahr 1944 für gerade dieses Exemplar belegen würde. Deshalb behandle ich sie als Beleg aus dem Vortrag, nicht als Herkunftsbehauptung, die sich derzeit aus einem öffentlichen Katalog rekonstruieren liesse.

Der gedankliche Punkt bleibt trotzdem.

Eine Bibliothek muss ein Objekt nicht schätzen, um es zu hüten.

Manchmal ist die Ablehnung selbst ein Grund, etwas zu behalten.

Ein Kinderbuch kann sagen, wie Patriotismus aussah.

Wie Humor aussah.

Wie die Armee Kindern gezeigt wurde.

Was Erwachsene für angemessen hielten.

Was ein anderer Erwachsener für geschmacklos hielt.

Das Urteil selbst wird zum historischen Beleg.

Daran ist fast etwas Schönes.

Der implizite archivische Entscheid lautet:

Das ist miserabel. Trotzdem behalten.

Und weil Institutionen so entscheiden, bekommen spätere Generationen die Fähigkeit, anderer Meinung zu sein.

Vielleicht werden wir uns einig, das Buch sei geschmacklos gewesen.

Vielleicht finden wir es charmant.

Vielleicht lesen wir es als Propaganda.

Vielleicht als Sozialgeschichte.

Vielleicht als grafische Gestaltung.

Vielleicht stellt jemand in achtzig Jahren eine ganz andere Frage, auf die heute niemand käme.

Die Bibliothek bewahrt diese Möglichkeit.

Sie behält den Beleg, der nötig ist, damit wir sogar mit den Menschen uneinig sein können, die den Beleg behielten.

Das ist institutionelles Selbstvertrauen von seltener Höhe.


Fragen, die uns noch nicht einfallen

Eine Bibliothek gilt oft als Ort, der Wissen bewahrt.

Ich halte das für zu knapp.

Eine Bibliothek ist kein Lagerhaus für Antworten.

Sie ist eine Wette darauf, dass jemand, der noch nicht existiert, einen Beleg für eine Frage brauchen wird, die wir noch nicht benennen können.

Kirchenbücher entstehen für die Verwaltung.

Jahrhunderte später werden sie zum genealogischen Beleg.

Eine Zeitung hält den gestrigen Tag fest.

Später wird sie zur politischen Geschichte.

Ein Kinderbuch ist Unterhaltung.

Später wird es zum Beleg kriegszeitlicher Kultur.

Eine handschriftliche Randnotiz, die heute belanglos wirkt, kann für eine Forscherin oder einen Forscher entscheidend werden — in einem Fach, das noch nicht existiert.

Das nenne ich kulturelle Wahl.

Eine Gesellschaft bewahrt genug von ihrer Vergangenheit, damit Spätere noch sinnvoll entscheiden können, wie sie sie verstehen.

Nicht jedes Objekt kann gerettet werden.

Nicht jede Frage lässt sich voraussehen.

Aber genug Beleg muss überleben, damit die Gegenwart kein Monopol darüber bekommt, was die Zukunft wissen darf.

Deshalb zählt obskures Material.

Die Regionalzeitung.

Die unbeliebte Flugschrift.

Das technische Handbuch, das niemand mehr ausleiht.

Das politische Argument, das verloren hat.

Die Ausgabe mit handschriftlichen Notizen.

Der Einband.

Das Papier.

Die Besitzvermerke.

Das Kinderbuch, das jemand einmal lächerlich fand.

Der Punkt ist nicht, dass alles ewige Bewahrung verdient.

Der Punkt ist, dass Entscheide über Bewahrung unsere Unwissenheit über spätere Relevanz anerkennen sollten.

Bibliotheken machen Demut gegenüber dem, was später zählen wird, zur Institution.


Der Scan bleibt eine Schicht

Eine kleine Form desselben Problems ist mir persönlich begegnet, nur Wochen vor Regenass’ Vortrag.

Die Universitätsbibliothek Basel hatte meine Familiengeschichte digitalisiert, Die Gilgen von Rüeggisberg.

Daraus ist ein früherer Band geworden: The Scan Is Not the Book.

Digitalisierung ist ausserordentlich.

Ein gescanntes Buch kann durchsuchbar werden.

Es lässt sich transkribieren.

Übersetzen.

Gleichzeitig auf mehreren Kontinenten lesen.

Es erreicht Menschen, die nie zu der Bibliothek reisen könnten, die das Buch hält.

Eine Maschine kann es mit Tausenden anderer Texte vergleichen.

All das ist wertvoll.

Aber der Scan ist eine Schicht.

Das physische Objekt bleibt Beleg.

Sein Papier kann etwas sagen.

Sein Einband kann etwas sagen.

Eine handschriftliche Notiz kann etwas sagen.

Abnutzung kann etwas sagen.

Besitzvermerke können sagen, wohin ein bestimmtes Exemplar gereist ist.

Digitalisierung bewahrt einige Eigenschaften eines Objekts bemerkenswert gut.

Sie bewahrt nicht alle.

Diese Unterscheidung ist schärfer geworden, weil eine andere Art Leser in die Bibliothek gekommen ist.

Die Maschine.


Text als Rohstoff

Systeme künstlicher Intelligenz brauchen enorme Mengen menschlich erzeugter Sprache.

Bücher sind dafür ungewöhnlich wertvoll.

Das sollte Bibliothekare nicht überraschen.

Die Technologiebranche hat etwas wiedergefunden, das Bibliotheken seit Jahrhunderten wissen: ein Buch ist ein ausserordentlich dichtes Paket redigierten menschlichen Denkens.

Die interessante Lage entsteht, sobald der Text für eine Maschine wertvoller wird als das Objekt für die Organisation, die es entnimmt.

Der amerikanische Urheberrechtsfall Bartz v. Anthropic macht diese Spannung ungewöhnlich sichtbar.

Im Juni 2025 trennte Richter William Alsup drei verschiedene Nutzungen von Büchern durch Anthropic.

Sie dürfen nicht zu einer einzigen zusammengezogen werden.

Erstens: Kopien, die das Modell trainierten, galten als fair use. Das Gericht sah die Nutzung als transformativ an, nicht als Ersatz für das Lesen der Bücher selbst.

Zweitens: Anthropic hatte physische Bücher gekauft, sie eins zu eins in digitale Kopien verwandelt, die Druckexemplare zerstört und die entstandenen Dateien nicht weitergegeben. Das Gericht hielt diese Umwandlung aus einem anderen Grund für fair use: die Firma hatte die Exemplare rechtmässig erworben und das Format für die eigene interne Bibliothek gewechselt.

Drittens: Kopien aus Piratenbibliotheken, darunter LibGen und PiLiMi, waren nicht fair use.

Diese Unterscheidung blieb wichtig, als der Rechtsstreit auf einen Vergleich zusteuerte.

Am 20. Juli 2026 erteilte das Gericht die endgültige Genehmigung für einen Vergleich über 1,5 Milliarden Dollar zur geraubten Klasse.

Der Vergleich gilt für Werke, die über die Piratenbibliotheken beschafft wurden.

Er verwandelt den Vergleich nicht in eine Lizenz.

Er deckt die gekauften und gescannten Bücher nicht auf dieselbe Weise.

Und während Kopien aus den Piratenquellen nach den Vergleichsbedingungen zu zerstören sind, gilt das nicht für Kopien aus den eigenen Scans von Anthropic.

Das Recht hat also Unterscheidungen gezogen, die jede ernsthafte Erörterung des Falls erhalten muss.

Es gibt aber eine zweite Frage, die das Urheberrecht nicht beantwortet.

Welche kulturelle Annahme zeigt der physische Vorgang?

Das Buch kaufen.

Den Einband entfernen.

Die Seiten schneiden.

Den Text scannen.

Die Daten behalten.

Das Objekt wegwerfen.

Rechtlich mag die massgebliche Frage sein, ob die Nutzung erlaubt ist.

Kulturell erscheint eine andere:

Wozu sollte das Buch dienen?


Keine Bücherverbrennung

Die Analogie zur Bücherverbrennung liegt nahe.

Sie muss vorsichtig behandelt werden.

Industrielles Scannen durch eine KI-Firma ist keine nationalsozialistische Bücherverbrennung.

Eine Firma, die Bücher erwirbt, weil ihr Inhalt als Trainingsmaterial Wert hat, ist moralisch nicht dasselbe wie ein politisches Regime, das Bücher zerstört, weil es die Menschen, Ideen oder Kulturen auslöschen will, die sie tragen.

Die Absicht ist eine andere.

Die Gewalt ist eine andere.

Die historischen Umstände sind andere.

Diese Dinge in eine einzige Kategorie zu pressen, wäre genau das nachlässige historische Urteil, dessen Abwesenheit mich an Regenass’ Vortrag beeindruckt hat.

Aber eine falsche Gleichsetzung abzulehnen heisst nicht, den Vergleich selbst zu verbieten.

Verschiedene Systeme können ähnliche strukturelle Fragen zeigen, ohne moralisch identisch zu sein.

Ein Regime, das Kultur zerstört, kann fragen:

Was muss verschwinden?

Eine Extraktionswirtschaft fragt:

Was lässt sich daraus nehmen?

Hüten fragt etwas anderes:

Was muss bleiben, damit jemand anderes später entscheiden kann?

Diese Unterscheidung interessiert mich.

Ein Überfall zerstört, was unerwünscht ist.

Extraktion bewahrt, was nützlich ist, und kann wegwerfen, was es nicht ist.

Das Erste ist ein Angriff auf das Gedächtnis.

Das Zweite kann zur Optimierung gegen das Objekt werden.

Das ist nicht dieselbe Handlung.

Aber beides kann kulturelle Wahl verkleinern, wenn der verschwundene Beleg nicht wiederherzustellen ist.

Figure 2. Zwei Verluste. Ein Überfall zerstört, was unerwünscht ist. Extraktion behält, was nützlich ist, und wirft das Objekt weg. Der Gleichklang ist real. Die moralische Identität ist es nicht.
Figure 2. Zwei Verluste. Ein Überfall zerstört, was unerwünscht ist. Extraktion behält, was nützlich ist, und wirft das Objekt weg. Der Gleichklang ist real. Die moralische Identität ist es nicht.

Bibliotheken haben selbst geschnitten

Es gibt eine wichtige historische Komplikation.

Bibliotheken selbst haben zerstörend umgewandelt.

Die grossflächige Verfilmung von Zeitungen im zwanzigsten Jahrhundert ist das naheliegende Beispiel.

Zeitungen auf säurehaltigem Holzschliffpapier zerfallen stark. Bewahrungsprogramme übertrugen ihren Inhalt deshalb auf Mikrofilm. Die physische Vorbereitung konnte umfassen, Hefte aus den Einbänden zu nehmen und, wo Originale nicht behalten werden sollten, sie für eine effiziente Verfilmung zu schneiden.

Nicholson Bakers Double Fold machte diese Kontroverse 2001 bekannt.

Die Frage ist also nicht: Bibliotheken hüten, Technologie zerstört.

Bibliotheken treffen auch Entscheide.

Manchmal gilt der Informationsgehalt eines Objekts als wertvoller als sein weiteres physisches Überleben.

Manchmal gibt es Dubletten.

Manchmal zerfällt das Papier schon.

Manchmal sind die Mittel der Bewahrung endlich.

Aber heutige Bewahrungsstandards für seltenes und bedeutendes Material haben sich stark zur zerstörungsfreien Digitalisierung bewegt.

Google Books entwickelte Scangeräte, die gebundene Bände fotografieren sollten, ohne sie auseinanderzuschneiden.

Das Internet Archive beschreibt seinen Digitalisierungsprozess als zerstörungsfrei und sagt ausdrücklich, es schneide Einbände nicht von Büchern.

Die IFLA-Richtlinien für seltene Bücher und Handschriftensammlungen halten fest: das Aufbinden von Material zur Reproduktion gilt nicht mehr als beste Praxis, und originale Sammlungen sollen nach der Digitalisierung nicht entsorgt werden.

Die Schweizerische Nationalbibliothek arbeitet aus einem noch klareren Bewahrungsauftrag: Dokumente in ihrer Verantwortung sollen in der originalen Form bewahrt werden. Ihre Digitalisierungsverfahren umfassen die Prüfung des physischen Zustands der Objekte vor und nach dem Scan.

Das ist eine grundlegend andere Philosophie, als das Buch als Wegwerfverpackung um einen nützlichen Text zu behandeln.


Der Krieg an den Sammlungen

Die Diskussion über KI und Digitalisierung sollte nicht vergessen lassen, dass die ältere Bedrohung völlig real bleibt.

In der Ukraine werden Bibliotheken wieder durch Krieg beschädigt.

Die offizielle Beobachtung der UNESCO hatte am 29. Juli 2026 Schäden an 545 Kulturstätten im Land bestätigt, darunter 22 Bibliotheken.

Diese Zahlen sind vorläufig. Sie beschreiben beschädigte Kulturstätten, nicht ein vollständiges Inventar zerstörter Sammlungen.

Das Prinzip ist trotzdem nicht zweideutig.

Internationale Organisationen, die Archive, Bibliotheken, Museen und Denkmäler vertreten, haben die Zerstörung kultureller Sammlungen ausdrücklich als Angriff auf Identität und Gedächtnis beschrieben.

Das Völkerrecht hat das lange vor dem gegenwärtigen Krieg anerkannt.

Die Haager Konvention von 1954 zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten zählt Handschriften, Bücher, wichtige Sammlungen von Büchern, Archive, grosse Bibliotheken und Archivdepots ausdrücklich zum Begriff des Kulturguts.

Und Artikel 3 enthält ein Prinzip, das direkt nach Basel 1938 zurückführt.

Die Staaten sollen den Schutz des Kulturguts in Friedenszeiten vorbereiten.

Das ist ein bemerkenswerter Satz.

In Friedenszeiten vorbereiten.

Nicht erst an die Kisten denken, wenn die Flugzeuge schon oben sind.

Schwarzbers Plan war nicht bloss gute Verwaltung.

Er drückte ein Prinzip aus, das das internationale Kulturgüterrecht später formalisieren würde.

Handeln, bevor der Druck die Möglichkeit zu handeln nimmt.


Verlust ohne Feuer

Eine heutige europäische Bibliothek beginnt ihren Morgen kaum damit, eine feindliche Armee an der Stadtgrenze zu sehen.

Der Druck ist leiser.

Budgets werden enger.

Lagerung wird teuer.

Digitalisierung verspricht Effizienz.

Globale Plattformen werden zum Standardweg, auf dem Menschen Information finden.

KI-Systeme werden zunehmend zur Fläche, über die Menschen Fragen stellen.

Das lokale Verlagswesen zieht sich zusammen.

Sammlungen werden nach Nutzungszahlen bewertet.

Maschinenlesbarer Text bekommt neuen kommerziellen Wert.

Jeder einzelne Entscheid kann völlig vernünftig sein.

Genau deshalb verdient die Entwicklung Aufmerksamkeit.

Souveränität geht selten durch einen theatralischen Entscheid verloren.

Sie kann Optimierung für Optimierung verschwinden.

Hier ein Regal entfernt.

Dort eine lokale Sammlung nicht mehr erworben.

Ein Original entsorgt, weil eine digitale Darstellung existiert.

Eine Lizenz unterzeichnet, ohne gangbaren Ausgang.

Ein Korpus übertragen, während seine Herkunftsmetadaten sich lösen.

Eine Minderheitensprache untervertreten, weil der Markt dafür klein ist.

Forschende, die das Archiv nicht mehr betreten, weil die Zusammenfassung der Maschine zu genügen scheint.

Nichts brennt.

Nichts ist verboten.

Niemand erklärt der Kultur den Krieg.

Nichts sieht nach Krise aus.

Und trotzdem kann der Kreis der Fragen, die der Zukunft noch offenstehen, enger werden.

Das ist eine andere Art von Verlust.

Aber es ist immer noch ein Verlust.


Die Maschine gehört ins Haus

Die Antwort ist kein technologischer Rückzug.

Bibliotheken sollen digitalisieren.

Sie sollen schwierige Bestände durchsuchbar machen.

Sie sollen maschinelles Lernen nutzen, um Handschrift zu transkribieren.

Sie sollen KI nutzen, um Dokumente zu verbinden, die Sprachen, Katalogkonventionen und Jahrhunderte trennen.

Sie sollen Wissen Menschen zugänglich machen, die ihre Lesesäle nie physisch betreten werden.

Sie sollen verantwortungsvolle computergestützte Forschung möglich machen.

Sie sollen experimentieren.

Sie sollen maschinenlesbare Schnittstellen freigeben.

Sie sollen mit Forschenden und Technologiefirmen zusammenarbeiten, wo die Bedingungen Sinn ergeben.

Eine starke Bibliothek ist nicht eine, die die Zukunft verweigert.

Sie ist eine, die in die Zukunft geht, ohne die Vergangenheit preiszugeben.

Das braucht mehr als Scanner.

Es braucht Politik.

Originale behalten, wo das Objekt noch Belegwert trägt.

Herkunft bewahren.

Wissen, was lizenziert wurde und unter welchen Bedingungen.

Kopien maschinenlesbarer Bestände unter institutioneller Kontrolle halten.

Irreversible Abhängigkeit von einer einzigen Plattform vermeiden.

Dafür sorgen, dass eine neue Fläche nicht still zur einzigen Fläche wird.

Weiter lokales Material und Material von Minderheiten sammeln, dessen Bedeutung sich nicht allein durch heutige Nutzungsstatistiken rechtfertigen lässt.

Und die Menschen behalten, die verstehen, warum das alles zählt.


Was das Haus wirklich hält

Eine starke Bibliothek behält mehr als Text.

Sie behält Originale.

Das Papier.

Den Einband.

Das Exemplar, das gereist ist.

Die Annotation, deren Bedeutung noch nicht erkannt ist.

Sie behält Herkunft.

Wie ein Objekt ankam.

Wem es gehörte.

Was bekannt ist.

Was unsicher bleibt.

Sie behält plurale Sammlungen.

Humanistenbriefe neben Hebraica.

Einen Koran neben christlichen Handschriften.

Politische Literatur aus gegnerischen ideologischen Lagern.

Ein Kinderbuch, das jemand als Verstoss gegen den guten Geschmack betrachtete.

Die Bibliothek braucht nicht, dass alles in ihr übereinstimmt.

Das ist beinahe der Punkt.

Sie behält Kompetenz.

Menschen, die eine Quittung lesen und wissen, dass sie Beleg ist, aber noch kein Urteil.

Menschen, die ein Objekt von seiner Darstellung unterscheiden können.

Menschen, die einen Katalog so gut verstehen, dass sie wissen, was darin fehlt.

Menschen, die eine Handschrift packen können, bevor die Krise kommt.

Und sie behält das Recht zu entscheiden, wie die Sammlung genutzt wird.

Wer lesen darf.

Wer ausleihen darf.

Wer scannen darf.

Wer im Grossen entnehmen darf.

Unter welchen Bedingungen.

Zu welchem Zweck.

Mit welchen Pflichten danach.

Das ist kulturelle Souveränität in institutioneller Form.

Figure 3. Was das Haus hält. Originale, Herkunft, plurale Sammlungen, Kompetenz, und das Recht zu entscheiden, wie die Ansammlung genutzt wird.
Figure 3. Was das Haus hält. Originale, Herkunft, plurale Sammlungen, Kompetenz, und das Recht zu entscheiden, wie die Ansammlung genutzt wird.

Fünfhundertfünfundfünfzig Jahre

Die Universitätsbibliothek Basel ist 1471 erstmals bezeugt, durch einen Kaufvermerk in einem frühen Druck.

Die Universität selbst war 1460 gegründet worden und hat fast sicher von Beginn an Bücher gesammelt. Der schriftliche Beleg für die Bibliothek kommt später.

Die UB nennt sich die älteste weltliche Bibliothek der Schweiz.

Im Jahr 2026 kann sie deshalb auf ungefähr 555 Jahre institutionellen Gedächtnisses zurückblicken.

Diese Zahl ist in der Technologiebranche schwer zu fassen.

Ein Startup mag achtzehn Monate vorausplanen.

Eine Softwareplattform kann sich nach zehn Jahren uralt anfühlen.

Ein Dateiformat wird Altlast.

Eine API verschwindet.

Eine Firma wird gekauft.

Ein Dienst wird abgestellt.

Eine 555 Jahre alte Bibliothek arbeitet auf einer anderen Skala.

Diese Skala existiert nicht, weil das Gebäude unverändert blieb.

Sie existiert, weil Generationen von Menschen wiederholt die Pflicht annahmen, etwas für Menschen zu behalten, die sie nie treffen würden.

Jemand kaufte das Buch.

Jemand katalogisierte es.

Jemand reparierte es.

Jemand befragte seine Herkunft.

Jemand packte es in eine nummerierte Kiste.

Jemand holte es zurück.

Jemand digitalisierte es.

Jemand erforschte die Entscheide der Menschen davor.

Und jemand wird schliesslich eine Frage dazu stellen, die keiner von ihnen vorausgesehen hat.

Institutionen überleben durch diese Kette der Obhut.

Nicht durch Dauer.

Durch Hüten.


Arbeit, die man nicht sieht

Dieser Teil des Abends hat mich vielleicht am stärksten berührt.

Wir sprechen oft über Institutionen, als wären sie Gebäude, Statuten oder Logos.

Das sind sie nicht.

Institutionen existieren, weil Menschen wiederholt die Arbeit tun, durch die sie wirklich werden.

1938 musste jemand erkennen, dass die Bestände bedroht sein könnten.

Jemand musste entscheiden, was gehen sollte.

Jemand verhandelte mit der Bank.

Jemand schrieb nach Engelberg.

Jemand schrieb die Inventare.

Jemand fand die Kisten.

Jemand nummerierte sie.

Jemand prüfte sie.

Jemand hielt die Bibliothek in Gang, während Kolleginnen und Kollegen im Aktivdienst standen.

Jemand behielt Material, das unwichtig hätte scheinen können.

Und heute katalogisieren, erforschen, konservieren, digitalisieren und erklären andere Menschen dieselben Bestände.

Das verdient Anerkennung.

Nicht weil Bibliothekare romantisch als Hüter in einem theatralischen Sinn verklärt werden sollten.

Sondern weil Hüten eine Form von Arbeit ist, deren Erfolg oft unsichtbar bleibt.

Die Handschrift, die nicht zerstört wurde, kündigt das Unglück nicht an, das sie vermieden hat.

Der Herkunftseintrag, der einen falschen Schluss verhindert, zieht selten Aufmerksamkeit.

Das Original, das neben seiner digitalen Kopie im Regal bleibt, wirkt ineffizient, bis zu dem Tag, an dem jemand die Eigenschaft braucht, die der Scan nicht erfasst hat.

Vorbereitung wirkt oft unnötig, bis zu dem Moment, in dem sie unentbehrlich wird.


Noch einmal fragen dürfen

Als der Krieg auf Basel zukam, konnte die Universitätsbibliothek nicht genau wissen, was geschehen würde.

Diese Unsicherheit war kein Argument zu warten.

Sie war ein Argument, Optionen zu hüten.

Als ein Kinderbuch den zweifelhaften Geschmack kriegszeitlicher Kultur zu verkörpern schien, musste die richtige archivische Antwort nicht Bewunderung sein.

Sie war, den Beleg zu behalten.

Wenn Historiker heute auf Widersprüche in der Kriegsüberlieferung stossen, ist ihre Verantwortung nicht, diese Widersprüche in ein sauberes Moralstück zu pressen.

Sie ist, genug Kontext zu bewahren, damit wir sie verstehen können.

Und wenn künstliche Intelligenz entdeckt, dass Jahrhunderte von Büchern eines der reichsten Reservoirs menschlich erzeugter Daten bilden, die je versammelt wurden, sollte die Aufgabe nicht sein, Maschinen von Bibliotheken fernzuhalten.

Sie sollte sein, dafür zu sorgen, dass Zugang nicht zur Extraktion ohne Hüten wird.

Eine Bibliothek existiert nicht, um der Zukunft zu sagen, was sie denken soll.

Sie existiert, damit die Zukunft noch etwas hat, woraus sie denken kann.

Deshalb zählen Originale.

Deshalb zählt Herkunft.

Deshalb zählen seltsame Bücher.

Deshalb zählen Minderheitensammlungen.

Deshalb zählen Bibliothekare.

Deshalb zählt eine Kiste, die 1939 in Basel gepackt wurde.

Eine Bibliothek bewahrt die Fragen, die noch niemand gestellt hat.

Und in einem Zeitalter, in dem eine Maschine an einem Nachmittag mehr Text verbrauchen kann, als ein Mensch in mehreren Leben lesen könnte, kann das Bewahren unserer Fähigkeit, diese Fragen selbst zu stellen, eine der wichtigsten Formen von Souveränität werden, die wir haben.

Noch einmal fragen dürfen.


Quellen

Der Vortrag und die Universitätsbibliothek Basel im Zweiten Weltkrieg

Globi wird Soldat

KI, Digitalisierung und Bartz v. Anthropic

Kulturgut und bewaffneter Konflikt

Verwandte Bände

Dieser Band erörtert einen amerikanischen Urheberrechtsfall wegen seiner Folgen für Hüten und Bewahrung. Er ist keine Rechtsberatung.